Psalm 73: Wenn der Glaube am Erfolg der Gottlosen zweifelt

Psalm 73: Wenn der Glaube am Erfolg der Gottlosen zweifelt

Psalm 73 spricht offen über einen Glaubenskonflikt, den viele Menschen kennen: Warum geht es ungerechten Menschen scheinbar gut, während aufrichtige Menschen leiden? Der Psalm beantwortet diese Frage nicht mit einer einfachen Erklärung, sondern beschreibt einen inneren Weg von Neid und Verunsicherung über die Begegnung mit Gott bis zu einem erneuerten Vertrauen.

Als Verfasser wird Asaph genannt, ein bedeutender Musiker und Leiter des Gottesdienstes im alten Israel. Der Psalm gehört zum dritten Buch des Psalters und umfasst 28 Verse. Seine besondere Kraft liegt darin, dass der Beter weder seine Zweifel verschweigt noch bei ihnen stehen bleibt.

Welche zentrale Frage stellt Psalm 73?

Am Anfang steht die Überzeugung, dass Gott seinem Volk gut ist und Menschen mit einem aufrichtigen Herzen nicht verlässt. Diese Gewissheit wird jedoch sofort durch eine persönliche Krise erschüttert. Der Beter sieht, dass stolze und gewalttätige Menschen Erfolg, Sicherheit und Anerkennung genießen, obwohl ihr Verhalten dem Willen Gottes widerspricht.

Damit berührt Psalm 73 die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Wenn gutes Verhalten nicht automatisch zu einem guten Leben führt und Unrecht nicht sofort bestraft wird, wirkt die Ordnung der Welt widersprüchlich. Der Beter fragt nicht abstrakt nach einer philosophischen Theorie, sondern erlebt den Widerspruch an konkreten Menschen und an seiner eigenen Situation.

Sein Problem besteht auch darin, dass er den äußeren Eindruck mit der letzten Wirklichkeit verwechselt. Die Gottlosen erscheinen unantastbar, gesund und frei von den Belastungen anderer Menschen. Ihre Worte sind überheblich, und dennoch scheint ihr Einfluss zu wachsen. Für den Beter entsteht dadurch der Eindruck, dass sein eigener Weg der Treue keinen erkennbaren Nutzen hat.

Kernpunkt: Psalm 73 lehrt nicht, dass Zweifel ein Zeichen fehlenden Glaubens sind. Er zeigt, wie ein ehrlicher Zweifel vor Gott ausgesprochen und durch eine veränderte Perspektive geprüft werden kann.

Wer sind die Gottlosen in Psalm 73?

Die beschriebenen Menschen sind nicht einfach Personen, denen es materiell gut geht. Der Psalm kritisiert eine Haltung, in der Wohlstand, Macht und Selbstsicherheit von Gott unabhängig machen. Die Betroffenen verlassen sich auf ihre Stellung und behandeln andere Menschen mit Geringschätzung.

Der Text stellt ihre äußere Lage und ihre innere Haltung zusammen dar. Sie sind wohlhabend oder wirken zumindest abgesichert, treten arrogant auf und reden gegen den Himmel. Ihre Worte vermitteln, dass sie weder mit Gottes Urteil noch mit den Folgen ihres Handelns rechnen müssen. Dadurch werden sie zu einem Gegenbild des Menschen, der sein Leben an Gott ausrichtet.

Die Beschreibung ist keine pauschale Verurteilung jedes reichen Menschen. Besitz an sich wird nicht als Sünde dargestellt. Kritisiert werden vielmehr Hochmut, Unterdrückung, Rücksichtslosigkeit und die Überzeugung, man könne ohne Gott über andere bestimmen.

Für die Auslegung ist diese Unterscheidung wichtig. Psalm 73 sagt nicht, dass Armut automatisch fromm und Wohlstand automatisch böse sei. Er fragt, was geschieht, wenn äußerer Erfolg zum Maßstab für Wahrheit und Wert wird. Der Beter leidet darunter, dass diese Lebensweise offenbar belohnt wird.

Wie beschreibt der Beter seine innere Krise?

Der Beter erlebt eine starke Spannung zwischen seinem Glauben und seiner Wahrnehmung. Er weiß, dass ein reines Herz und ein gerechtes Leben vor Gott Bedeutung haben. Gleichzeitig sieht er keinen offensichtlichen Vorteil darin, treu zu bleiben. Diese Spannung führt zu der Frage, ob seine Anstrengung überhaupt sinnvoll ist.

Seine Krise ist nicht nur intellektuell. Sie wirkt sich auf seine Gefühle, seine Selbstachtung und seine Beziehungen aus. Er empfindet Neid, weil andere scheinbar unbeschwert leben. Er fühlt sich benachteiligt und fragt sich, ob seine eigene Gottesfurcht vergeblich war. Das macht den Psalm so menschlich: Der Beter beschreibt nicht nur, was er denkt, sondern auch, was diese Gedanken in ihm auslösen.

Besonders schwer wiegt die Gefahr, die andere mit seinem Zweifel zu belasten. Er erkennt, dass seine Worte Menschen verletzen oder verunsichern könnten, die Gott vertrauen. Deshalb hält er seine Gedanken zunächst zurück. Dieser Versuch, den inneren Konflikt allein zu tragen, verschärft jedoch seine Belastung.

Psalm 73 erlaubt damit auch eine wichtige seelsorgerliche Einsicht: Glaubenskrisen entstehen häufig durch einen Vergleich. Der Mensch blickt auf das Leben anderer, sieht deren Vorteile und beurteilt sein eigenes Leben danach. Was dabei unsichtbar bleibt, sind die verborgenen Kämpfe, die langfristigen Folgen und die Beziehung zu Gott.

Warum kann der Vergleich mit anderen den Glauben erschüttern?

Der Vergleich richtet den Blick auf das, was unmittelbar sichtbar ist. Häuser, Einkommen, Einfluss, Gesundheit und gesellschaftliche Anerkennung lassen sich leicht beobachten. Treue, Gewissen, Hoffnung und Gottesnähe sind dagegen nicht in derselben Weise messbar. Wer beides miteinander vergleicht, bewertet geistliche Wirklichkeit mit ungeeigneten Maßstäben.

Der Beter sieht die Selbstsicherheit der Gottlosen und ihre scheinbare Freiheit. Er sieht nicht, dass äußere Stabilität begrenzt ist und menschliche Macht enden kann. Seine Wahrnehmung ist daher nicht völlig falsch, aber sie ist unvollständig. Psalm 73 macht deutlich, dass eine Krise oft dort entsteht, wo ein richtiger Eindruck zur gesamten Wahrheit erklärt wird.

Auch heute kann dieser Mechanismus durch soziale Medien, berufliche Konkurrenz oder gesellschaftlichen Druck verstärkt werden. Menschen präsentieren dort häufig ihre Erfolge, nicht ihre Ängste und Niederlagen. Wer solche Bilder unkritisch betrachtet, kann den Eindruck gewinnen, andere lebten leichter, sicherer und erfüllter.

Die Antwort des Psalms besteht nicht darin, jeden Vergleich zu verbieten. Sie besteht darin, den Maßstab zu korrigieren. Ein Leben darf nicht ausschließlich danach beurteilt werden, was kurzfristig sichtbar oder gesellschaftlich erfolgreich ist. Die entscheidende Frage lautet, wohin ein Weg führt und in welcher Beziehung ein Mensch zu Gott steht.

Welche Bedeutung hat das Heiligtum in Psalm 73?

Der Wendepunkt des Psalms geschieht, als der Beter in das Heiligtum Gottes kommt. Der Text erklärt nicht im Detail, was dort konkret geschieht. Entscheidend ist, dass er aus seiner isolierten Betrachtung heraustritt und wieder in den Raum der Anbetung und Gemeinschaft gelangt.

Im Heiligtum erhält er keine bloße Beruhigung. Seine Sicht auf die Lage der Gottlosen verändert sich. Er erkennt, dass ihre scheinbare Sicherheit nicht die ganze Geschichte erzählt und dass ihr Weg auf einen unsicheren Grund gestellt ist. Die Gegenwart Gottes ordnet seine Gedanken neu.

Das Heiligtum steht dabei für mehr als ein Gebäude. Es verweist auf den Ort, an dem der Mensch seine Maßstäbe an Gottes Heiligkeit ausrichtet. Im Gottesdienst werden persönliche Eindrücke durch Gebet, Schrift, Lob und die Gemeinschaft der Glaubenden in einen größeren Zusammenhang gestellt.

Die Erfahrung zeigt: Gottesnähe beseitigt nicht unbedingt jede Frage, aber sie verändert die Position, von der aus die Frage gestellt wird. Der Beter sieht seine Situation nicht mehr nur aus der Perspektive des unmittelbaren Erfolgs anderer. Er nimmt Gottes Gegenwart, Gottes Urteil und die Grenze menschlicher Macht wieder ernst.

„Dennoch bleibe ich stets bei dir“ – Psalm 73,23 beschreibt die von Gott gehaltene Beziehung, nicht ein selbst erworbenes Gefühl der Sicherheit.

Was bedeutet die Nähe Gottes für den Beter?

Nach dem Wendepunkt spricht der Beter nicht davon, dass alle äußeren Schwierigkeiten verschwunden seien. Er bekennt vielmehr, dass Gott ihn hält, führt und schließlich in seine Herrlichkeit aufnimmt. Diese Aussagen verschieben den Schwerpunkt: Nicht der Besitz, die Gesundheit oder die Anerkennung anderer bilden die endgültige Sicherheit.

Gott wird als Halt, Orientierung und Anteil beschrieben. Der Beter erkennt, dass seine Beziehung zu Gott wertvoller ist als die Vorteile, um die er andere beneidet hat. Er braucht nicht mehr so zu leben, als müsse er seinen Wert durch äußeren Erfolg beweisen.

Das Bild von Gott als Anteil erinnert an eine Erbschaft oder einen dauerhaften Besitz. Gemeint ist nicht, dass der Beter keine menschlichen Bedürfnisse mehr hätte. Er bleibt ein Mensch mit Fragen und Grenzen. Aber er gewinnt eine Grundlage, die nicht von wechselnden Umständen abhängt.

Diese Hoffnung ist nicht weltfremd. Psalm 73 leugnet Leid, Ungerechtigkeit und Verlust nicht. Er setzt ihnen eine tiefere Wirklichkeit entgegen: Der Mensch ist nicht auf das Sichtbare reduziert, und Gottes Treue reicht über die momentane Lage hinaus.

Wie endet der Weg von Zweifel zu Vertrauen?

Gegen Ende beschreibt der Beter seine frühere Haltung mit deutlicher Selbstkritik. Er erkennt, dass er verbittert und innerlich unvernünftig gewesen ist. Dabei verachtet er sich nicht. Er stellt fest, dass sein Urteil durch Schmerz, Neid und eine begrenzte Sichtweise geprägt war.

Danach richtet er den Blick wieder auf die Beziehung zu Gott. Gottes Nähe ist ihm wichtiger geworden als die Erklärung jedes einzelnen Ereignisses. Er bekennt, dass es außerhalb Gottes keinen vergleichbaren Halt gibt. Damit wird der Psalm nicht zu einer Antwort auf jede Form von Leid, sondern zu einem Zeugnis dafür, dass Vertrauen trotz ungelöster Fragen möglich ist.

Der letzte Schwerpunkt liegt auf dem Erzählen von Gottes Taten. Der Beter will nicht bei seiner privaten Erfahrung bleiben. Er möchte anderen mitteilen, was er über Gottes Treue erkannt hat. Aus einer persönlichen Krise entsteht dadurch ein Zeugnis für die Gemeinschaft.

Dieser Abschluss bedeutet nicht, dass jeder Zweifel sofort beendet ist. Vielmehr hat der Zweifel seinen beherrschenden Einfluss verloren. Der Beter sieht wieder, wem er gehört und worauf sein Leben letztlich gegründet ist.

Offene Bibel in einem stillen Kirchenraum mit einfallendem Morgenlicht

Wie können Sie Psalm 73 heute beten?

Psalm 73 eignet sich besonders für Zeiten, in denen Sie Gottes Handeln nicht verstehen. Sie müssen seine Worte nicht mechanisch wiederholen. Sie können die einzelnen Bewegungen des Psalms aufnehmen und mit Ihrer eigenen Situation verbinden.

  1. Benennen Sie die Beobachtung: Schreiben Sie auf, was Sie als ungerecht, widersprüchlich oder schmerzhaft erleben. Beschönigen Sie Ihre Gefühle nicht.
  2. Prüfen Sie den Vergleich: Fragen Sie, was Sie tatsächlich wissen und welche Annahmen Sie aus dem äußeren Anschein ableiten.
  3. Bringen Sie den Konflikt vor Gott: Formulieren Sie Ihre Fragen als Gebet, statt sie nur im eigenen Denken kreisen zu lassen.
  4. Suchen Sie einen geistlichen Ort: Gottesdienst, stilles Gebet, ein Gespräch oder die Beschäftigung mit der Bibel können helfen, die Perspektive zu erweitern.
  5. Erinnern Sie sich an Gottes Treue: Rufen Sie sich frühere Erfahrungen, Zusagen der Schrift und Menschen ins Gedächtnis, durch die Sie Unterstützung erfahren haben.
  6. Warten Sie auf eine reifere Sicht: Vertrauen muss nicht bedeuten, dass Sie sofort eine Erklärung besitzen. Es kann bedeuten, Gott auch mit offenen Fragen festzuhalten.

Praktischer Tipp: Lesen Sie Psalm 73 in mehreren Abschnitten und markieren Sie die Übergänge zwischen Wahrnehmung, Klage, Gottesnähe und Vertrauen. So wird sichtbar, wie sich die innere Haltung des Beters verändert.

Welche Fehler sollten Sie bei der Auslegung von Psalm 73 vermeiden?

Einige Deutungen verkürzen den Psalm und nehmen ihm seine Spannung. Wer ihn sorgfältig liest, erkennt, dass weder schnelle Vertröstung noch eine einfache Erfolgsformel dem Text gerecht werden.

  • Den Psalm als Versprechen materiellen Erfolgs lesen: Er sagt nicht, dass jeder fromme Mensch reich, gesund oder gesellschaftlich angesehen wird.
  • Den Zweifel moralisch abwerten: Der Beter wird nicht deshalb verworfen, weil er Fragen stellt. Entscheidend ist, dass er mit seiner Krise zu Gott geht.
  • Reichtum pauschal verurteilen: Kritisiert werden Hochmut, Gewalt und Gottvergessenheit, nicht jede Form von Besitz.
  • Die Zukunft der Gottlosen spekulativ ausmalen: Der Psalm spricht von ihrer Unsicherheit vor Gott, liefert aber keine Grundlage für persönliche Berechnungen über das Schicksal einzelner Menschen.
  • Das Heiligtum nur als emotionalen Ort verstehen: Der Wendepunkt hängt mit Gottes Gegenwart, Anbetung und einer neuen Sicht auf die Wirklichkeit zusammen.
  • Die eigenen Gefühle mit der gesamten Wahrheit gleichsetzen: Schmerz ist real, aber die erste Wahrnehmung eines Menschen kann dennoch unvollständig sein.

Besonders problematisch wäre es, anderen Menschen in einer Krise einfach zu sagen, sie müssten nur stärker glauben. Psalm 73 zeigt vielmehr, dass ein ernsthafter innerer Konflikt Zeit, Gebet und Begleitung brauchen kann. Geistliche Reife besteht nicht darin, jede Schwierigkeit zu verbergen, sondern sie in einer tragfähigen Beziehung zu Gott auszuhalten.

Was lehrt Psalm 73 über Gerechtigkeit und Geduld?

Der Psalm stellt klar, dass die sichtbare Gegenwart nicht das endgültige Gericht über einen Menschen darstellt. Wer Unrecht begeht, kann zeitweise erfolgreich sein. Wer gerecht handelt, kann Nachteile erleiden. Diese Beobachtung widerspricht einer einfachen Vorstellung, nach der jede gute Tat sofort belohnt und jedes böse Verhalten unmittelbar bestraft wird.

Damit schützt Psalm 73 vor einer oberflächlichen Vergeltungslogik. Leid ist nicht automatisch ein Beweis für persönliche Schuld, und Wohlstand ist kein sicherer Beweis für Gottes besondere Zustimmung. Eine solche Logik würde Betroffene zusätzlich belasten und erfolgreiche Menschen in falscher Sicherheit wiegen.

Gleichzeitig nimmt der Psalm Gottes Gerechtigkeit ernst. Die scheinbare Unordnung der Gegenwart bedeutet nicht, dass Gott gleichgültig ist. Der Beter lernt, Gottes Urteil nicht durch die momentane Verteilung von Erfolg und Misserfolg zu ersetzen.

Geduld bedeutet hier nicht passives Hinnehmen von Unrecht. Menschen dürfen Gewalt benennen, Hilfe suchen und sich für Gerechtigkeit einsetzen. Der Psalm stärkt vielmehr die Hoffnung, dass menschliche Macht nicht das letzte Wort behält.

Wie hilft Psalm 73 bei Neid und Verbitterung?

Neid entsteht häufig, wenn der Erfolg eines anderen als Beweis für die eigene Benachteiligung erscheint. Psalm 73 nimmt dieses Gefühl ernst, ohne ihm die Führung zu überlassen. Der Beter erkennt am Ende, dass der Blick auf andere seine Beziehung zu Gott und seine Wahrnehmung des eigenen Lebens verdunkelt hat.

Ein hilfreicher Schritt ist, zwischen berechtigtem Schmerz und zerstörerischem Vergleich zu unterscheiden. Es kann gerecht sein, über Ungleichheit oder einen tatsächlichen Verlust zu klagen. Zugleich kann sich der Blick verengen, wenn das Leben anderer zum ständigen Maßstab des eigenen Wertes wird.

Dankbarkeit ist in diesem Zusammenhang kein Zwang, negative Erfahrungen zu verleugnen. Sie kann helfen, wieder wahrzunehmen, was trotz der ungelösten Lage trägt: Menschen, die zuverlässig begleiten, Fähigkeiten, die geblieben sind, Möglichkeiten zur Hilfe oder die eigene Beziehung zu Gott.

Psalm 73 empfiehlt keine schnelle innere Selbstoptimierung. Der Beter wird nicht aufgefordert, seine Gefühle einfach abzuschalten. Er durchläuft einen Prozess, in dem er seine Gedanken vor Gott prüft und lernt, die sichtbare Wirklichkeit nicht für die ganze Wahrheit zu halten.

Welche Verbindung besteht zu anderen Psalmen?

Psalm 73 gehört zu den Texten, in denen Menschen ihre Not direkt vor Gott aussprechen. Wie in vielen Klagepsalmen gibt es eine Bewegung von der bedrängenden Erfahrung hin zu einer erneuerten Ausrichtung auf Gott. Die Form ist jedoch nicht bei allen Psalmen gleich, und auch Psalm 73 endet nicht mit einer vollständigen Erklärung.

Seine besondere Nähe besteht zu Psalmen, die sich mit der Frage beschäftigen, warum Gottlosigkeit vorübergehend Erfolg haben kann. Andere Texte betonen stärker die Freude am Gesetz Gottes, die Not eines Verfolgten oder die Hoffnung auf Gottes Eingreifen. Psalm 73 verbindet mehrere dieser Themen in einer persönlichen Betrachtung.

Die Stellung im Psalter verstärkt seine Bedeutung. Nach den stärker königlichen und gemeinschaftlichen Themen der vorhergehenden Psalmen richtet sich der Blick hier auf die innere Krise eines Menschen, der Gottes Gerechtigkeit verstehen möchte. Dadurch wird sichtbar, dass der Psalter Raum für Lob, Klage, Zweifel und Vertrauen gleichermaßen bietet.

Was können Sie aus Psalm 73 für Gespräche mitnehmen?

Wenn ein Mensch sagt, dass sich Treue, Gebet oder ein gerechtes Leben nicht lohnen, braucht er zunächst kein theologisches Schlagwort. Hilfreicher ist eine Antwort, die den Schmerz anerkennt und Raum für ehrliche Fragen lässt. Psalm 73 zeigt, dass ein solcher Satz nicht unbedingt Ablehnung Gottes bedeutet, sondern Ausdruck einer tiefen Überforderung sein kann.

Sie können nachfragen, welche konkrete Erfahrung hinter dem Zweifel steht. Geht es um finanzielle Ungleichheit, eine Krankheit, berufliche Benachteiligung, unerfüllte Wünsche oder das Verhalten einer bestimmten Person? Je genauer die Situation benannt wird, desto eher lässt sich zwischen tatsächlichem Unrecht, falschem Vergleich und ungelöster Trauer unterscheiden.

Auch der Hinweis auf Gottes Nähe sollte nicht als schnelle Lösung verwendet werden. Für manche Menschen ist gemeinsames Gebet hilfreich, andere brauchen zunächst ein ruhiges Gespräch oder praktische Unterstützung. Geistliche Begleitung nimmt sowohl die Beziehung zu Gott als auch die konkreten Lebensumstände ernst.

Wenn eine Krise mit anhaltender Verzweiflung, Angst oder Selbstgefährdung verbunden ist, sollten Sie zusätzlich professionelle Hilfe suchen. Seelsorge, psychologische Beratung oder ärztliche Unterstützung stehen nicht im Gegensatz zum Glauben. Sie können ein Teil der Hilfe sein, durch die ein Mensch wieder Halt gewinnt.

Warum bleibt Psalm 73 für Gläubige relevant?

Psalm 73 ist relevant, weil er Glauben nicht als ständige innere Sicherheit darstellt. Er zeigt einen Menschen, der Gott kennt und dennoch an dem zweifelt, was er in der Welt sieht. Diese Verbindung von Vertrauen und Krise wirkt glaubwürdig, weil sie die Erfahrung vieler Menschen ernst nimmt.

Der Psalm gibt außerdem eine Sprache für Gedanken, die oft verborgen bleiben. Wer sich fragt, warum andere scheinbar unbeschwert leben, obwohl sie rücksichtslos handeln, muss sich dafür nicht schämen. Die Bibel lässt solche Fragen zu und führt sie in ein Gebet, das weder Gott anklagt, um ihn loszuwerden, noch die Ungerechtigkeit verharmlost.

Seine wichtigste Perspektive lautet: Die sichtbare Ordnung ist nicht die endgültige Ordnung. Erfolg kann täuschen, Leid kann verborgen bleiben, und menschliche Maßstäbe können Gottes Wirklichkeit nicht vollständig erfassen. Vertrauen wächst dort, wo der Mensch seine Begrenzung anerkennt und sich erneut an Gottes Gegenwart ausrichtet.

So endet Psalm 73 nicht mit der Behauptung, alle Fragen seien gelöst. Er endet mit einer Beziehung, die trotz der Fragen trägt: Gott ist nahe, führt den Beter und bleibt sein sicherer Anteil. Diese Hoffnung kann auch dann bestehen, wenn die äußeren Verhältnisse noch nicht verändert sind.

Häufig gestellte Fragen

Ist Psalm 73 für Menschen mit Glaubenszweifeln geeignet?

Ja. Psalm 73 nimmt Zweifel, Neid und Enttäuschung ernst, ohne den Beter von Gott zu trennen. Sie müssen Ihre Fragen nicht verbergen, wenn Sie diesen Psalm beten. Er zeigt, dass ein Mensch seine widersprüchlichen Gedanken vor Gott aussprechen und dennoch an der Beziehung zu ihm festhalten kann. Gerade diese Ehrlichkeit macht den Psalm für Glaubenskrisen besonders geeignet.

Was bedeutet „mein Anteil“ in Psalm 73?

Mit „Anteil“ wird ein dauerhafter Besitz oder eine Erbschaft beschrieben. Der Beter meint damit, dass Gott selbst seine tiefste Sicherheit und Lebensgrundlage ist. Das bedeutet nicht, dass materielle Bedürfnisse unwichtig wären. Gemeint ist vielmehr: Der eigene Wert und die Hoffnung hängen nicht endgültig von Erfolg, Besitz, Gesundheit oder Anerkennung anderer Menschen ab.

Hat Psalm 73 eine Antwort auf die Frage, warum gute Menschen leiden?

Der Psalm erklärt das Leiden nicht vollständig und liefert keine allgemeine Ursache für jedes persönliche Schicksal. Er zeigt jedoch, dass sichtbarer Erfolg kein verlässlicher Maßstab für Gottes Zustimmung und sichtbares Leid kein sicherer Beweis für Schuld ist. Die Antwort liegt stärker in Gottes Gegenwart und endgültiger Gerechtigkeit als in einer Erklärung jedes einzelnen Ereignisses.

Wie lange sollte man über Psalm 73 nachdenken?

Dafür gibt es keine feste Dauer. Sie können den Psalm langsam lesen und jeweils bei den Übergängen verweilen: bei der Beobachtung der Ungerechtigkeit, der inneren Krise, dem Heiligtum und dem erneuerten Vertrauen. Hilfreich ist, eigene Gedanken aufzuschreiben und später erneut zu lesen. Bei einer schweren Krise kann auch ein Gespräch mit einer vertrauten oder fachlich geschulten Person sinnvoll sein.

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