Predigt zu Lukas 18,18-27 von prof.dr.eckstein: Der Weg zum ewigen Leben

Bibelkommentar
Predigt zu Lukas 18,18-27 von prof.dr.eckstein: Der Weg zum ewigen Leben
Lukas 18,18-27 · Lutherbibel 1912
Lukas 18,18-27 (Lutherbibel 1912)
“Und es fragte ihn ein Oberster und sprach: Guter Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe? Jesus aber sprach zu ihm: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott. Du weißt die Gebote wohl: 'Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.' Er aber sprach: Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. Da Jesus das hörte, sprach er zu ihm: Es fehlt dir noch eins. Verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Da er aber das hörte, ward er traurig; denn er war sehr reich. Da aber Jesus sah, daß er traurig war geworden, sprach er: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Es ist leichter, daß ein Kamel gehe durch ein Nadelöhr, denn daß ein Reicher in das Reich Gottes komme. Da sprachen, die das hörten: Wer kann denn selig werden? Er aber sprach: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.”
Zwischen Überschrift: Reichtum, Ehre und die Hoffnung auf Gottes Reich
Die Begegnung in Lukas 18,18-27 spielt in einer Welt, in der religiöse Frömmigkeit eng mit Lebensordnung und sozialer Stellung verbunden war. Jemand, der als „Oberster“ hervortritt, wirkt nach außen als gewissenhafter Mensch und kann durchaus den Wunsch gehabt haben, Gottes Zustimmung sichtbar zu „erreichen“. In der jüdischen Tradition waren die Gebote ein konkreter Maßstab für Gehorsam. Darum ist die Frage des Mannes verständlich: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Dahinter steht die Erwartung, dass es einen Weg gibt, der durch beständige moralische Leistung und religiöse Praxis zum Ziel führt.
Gleichzeitig war materieller Besitz in dieser Zeit nicht nur nebensächlich. Wohlstand bedeutete oft Sicherheit, Einfluss und Respekt. Ein Mensch, der sehr reich ist, wird vermutlich auch im Glaubensleben an seine Lebensform gebunden gewesen sein: Vermögen steht für Freiheit—aber kann zur Bindung werden. Genau hier setzt Jesu Diagnose an: Er geht nicht nur mit allgemeinen Moralregeln um, sondern fordert eine radikale Neuordnung: Besitz wird nicht zum „Mittel“, um Gott zu verdienen, sondern wird dem Ruf der Nachfolge unterstellt.
Die Bemerkung über die Schwierigkeit für Reiche, ins Reich Gottes zu kommen, ist deshalb mehr als eine Einzelwarnung. Sie konfrontiert das Herz mit der Frage: Ist Gott der Mittelpunkt—oder ist das eigene Leben an Ressourcen geklammert? Die Antwort Jesu „bei Gott ist alles möglich“ lenkt vom menschlichen Leistungsdenken zu Gottes rettender Macht.
Zwischen Überschrift: Das Gewicht von „gut“ und die Ausrichtung auf den einen Gott
In der Perikope reagiert Jesus auf die Anrede „Guter Meister“. Sprachnuancen spielen hier eine Rolle: Jesus lenkt den Blick von der Person und ihrer Autorität weg und zurück auf Gott. Die Aussage „Niemand ist gut denn der einige Gott“ ist kein Leugnen von echter Güte bei Menschen im allgemeinen Sinn, sondern eine theologische Korrektur der Deutung: „gut“ ist in ihrem letzten Sinn göttliche Vollkommenheit. Der Mann nennt Jesus „gut“—doch Jesus zeigt, dass der Kern der Frage nicht lautet, wie man einem „guten Lehrer“ Ehre erweist, sondern wie man Gott selbst begegnet.
Damit verändert Jesus auch den Ton der folgenden Gebote: Sie sind wahr und bleiben verbindlich, aber sie können nicht als Tauschobjekt dienen („ich tue, damit ich verdiene“). Jesu „Es fehlt dir noch eins“ trägt die Spannung zwischen Gehorsam und Herz-Entscheidung in sich. Das „noch eins“ markiert: Selbst wenn äußerer Gehorsam gelingt, kann das Herz an etwas anderes gebunden sein—und genau dort setzt die Nachfolge an.
Die Frage nach dem ewigen Leben: Warum Jesus das Motiv prüfen muss
Der Abschnitt beginnt mit einer ehrlichen, aber auch gefährlichen Herzensfrage: „Was muss ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?“ Der Mann sucht Sicherheit. Er will nicht nur wissen, „wie man lebt“, sondern wie man das Ziel—das ewige Leben—erreicht. In solchen Fragen steckt oft eine stille Übertragung: Wenn Gottes Anerkennung etwas ist, das man durch richtige Schritte erlangen kann, dann kann ich das Ziel kontrollieren.
Jesus antwortet zunächst nicht mit einem Schnellrezept, sondern mit einer Grundsatzfrage: „Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott.“ Damit stellt er die Beziehungsebene neu ein. Die Begegnung wird nicht primär zu einer Prüfung von „Lehrmeinungen“, sondern zu einer Frage der Person: Wer ist Gott? Wer ist Jesus in seinem Auftrag? Und vor allem: Was bedeutet „gut“ in seinem letzten Sinn? So wird der Mann vom Gedanken „Ich finde eine Methode“ weggeführt hin zu „Ich brauche Gott“.
Daraufhin nennt Jesus die Gebote, die den Menschen in seiner Beziehung zu anderen ordnen: nicht ehebrechen, nicht töten, nicht stehlen, kein falsches Zeugnis, Vater und Mutter ehren. Jesus nimmt den Gehorsam ernst. Der Mann bestätigt: „Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.“ Man könnte meinen, damit wäre das Thema erledigt. Doch Jesus zeigt: Es geht nicht nur um überprüfbare Handlungen.
„Es fehlt dir noch eins“ ist das entscheidende Wort. Jesus führt den Mann von der Ebene „Gebote erfüllt“ auf die Ebene „Herz gebunden“. Der Besitz, der zuvor vielleicht Sicherheit versprach, wird nun zum Prüfstein. Die Aufforderung „Verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen“ ist nicht bloß soziale Wohltätigkeit. Sie entlarvt das eigentliche Problem: Reichtum kann zum Ersatz für Gottes Verheißung werden. Nachfolge bedeutet nicht, dass man Gott „zu den guten Taten hinzuzählt“, sondern dass Gott den Platz einnimmt, den bisher etwas anderes füllte.
„Verkaufe alles… komm, folge mir nach!“: Radikale Nachfolge statt kontrollierbarer Frömmigkeit
Jesu Imperativ „Verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach!“ wirkt auf viele Leser zunächst wie eine Überforderung. Doch im Kontext wird sichtbar: Jesus behandelt die Frage nach dem ewigen Leben nicht als ein System moralischer Punkte, sondern als eine Begegnung mit ihm selbst.
Der Mann wird traurig, „denn er war sehr reich“. Lukas lässt uns nicht bei einer bloßen theoretischen Belehrung stehen. Die Entscheidung berührt ihn direkt. Seine Traurigkeit zeigt, dass das Evangelium hier nicht nur „Information“ liefert, sondern eine Wahl verlangt. Besitz ist nicht neutral: Er hat eine geistliche Funktion. Wer reich ist, kann leichter glauben, dass „genug“ schon Sicherheit schafft—und dass Gottes Eingreifen nicht nötig ist.
Jesus sieht diese Reaktion und zieht daraus eine tiefe Aussage: „Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!“ Die Pointe ist nicht, dass Reiche automatisch böse wären. Die Pointe ist, dass Reichtum eine besonders starke innere Konkurrenz zu Gottes Herrschaft sein kann. Das Reich Gottes ist nicht der Ort, an dem Menschen ihr Vertrauen in eigene Möglichkeiten bewahren, sondern der Ort, an dem Gott regiert.
Darum kommt das drastische Bild: „Es ist leichter, daß ein Kamel gehe durch ein Nadelöhr, denn daß ein Reicher in das Reich Gottes komme.“ Übertreibung dient hier nicht der Sensation, sondern der Entschärfung falscher Selbstgewissheit. Wer glaubt, mit den richtigen Mitteln „hindurchzukommen“, wird durch das Bild erschüttert.
Als dann die Zuhörer fragen: „Wer kann denn selig werden?“ ist klar: Die Aussage trifft nicht nur „die Reichen“, sondern unser allgemeines Leistungs- und Besitzdenken. Menschen wollen oft glauben, dass Rettung vor allem an eine realistische Machbarkeit gebunden ist.
Jesu Schlusswort beantwortet diese Angst: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ Das Evangelium versetzt die Perspektive. Nicht menschliche Stärke ist der Schlüssel, sondern Gottes Handeln. Nachfolge beginnt nicht mit einer Fähigkeit, sondern mit Gnade.
Wer kann selig werden? Gottes Möglichkeit und die Frage nach dem „einen Ding“
Die Reaktion „Wer kann denn selig werden?“ zeigt, wie Jesus die Zuhörer in eine Notlage führt—nicht um sie zu beschämen, sondern um falsche Hoffnungen zu entlarven. Wenn selbst ein Mann, der moralisch „viel richtig“ getan hat, an der nächsten Stufe scheitert, dann wirkt das wie eine Tür, die für Menschen unverschlossen ist.
Der Mann hatte Anspruch auf die Annahme, er sei bereits am Ziel. Er sagt: „Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.“ Jesus widerspricht nicht der Aussage über seinen äußeren Lebenswandel. Aber er zeigt, dass das ewige Leben nicht als Endpunkt von Leistungsbereitschaft missverstanden werden darf. Es gibt ein „noch eins“, das nicht durch weitere Regeln ersetzt werden kann.
Dieses „eine Ding“ benennt Jesus konkret: Besitz als Bindung. Für diesen Mann ist die Entscheidung dort, weil seine Lebenswirklichkeit besonders stark an Reichtum gekoppelt ist. Das Prinzip bleibt: Gott fordert Nachfolge nicht nur in Nebenzonen, sondern im Zentrum des Herzens. Für andere kann dieses Zentrum etwas anderes sein—Anerkennung, Kontrolle, Bequemlichkeit, Gewohnheit religiöser Routine. Jesus spricht nicht, um die jeweilige Person zu beschämen, sondern um das Herz auf den Ort der Treue zu prüfen.
Darum ist Jesu Handeln zugleich barmherzig und konfrontierend. Er sagt nicht: „Du bist verloren.“ Er führt den Mann an den Punkt, an dem echte Nachfolge beginnt. Dass er traurig wird, bleibt als tragische Wirklichkeit stehen. Hier wird sichtbar: Glaube ist nicht nur eine Zustimmung zu richtigem Wissen, sondern eine Bereitschaft, die eigenen Sicherheiten loszulassen.
Die letzte Aussage „bei Gott ist alles möglich“ ist die theologischen Klammer. Sie erklärt, warum Jesu Aufruf dennoch Hoffnung schenkt: Rettung ist nicht aus menschlichen Optionen gemacht. Sie ist Gottes Werk. Das ändert nicht, dass Nachfolge echte Entscheidungen verlangt—aber es ändert die Grundlage der Hoffnung.
So werden Leser eingeladen, nicht zuerst zu fragen: „Kann ich das?“, sondern: „Gott, was hält mein Herz fest—und wie führst du mich zur Freiheit deiner Herrschaft?“
So wendest du die Botschaft heute an
1) Prüfe deine „Sicherheiten“. Jesu Wort „Es fehlt dir noch eins“ ist wie eine innere Lupe. Welche Sache garantiert dir gefühlt Stabilität—Geld, Ruf, Leistung, Beziehungen, Kontrolle? Der Reiche im Text wird nicht wegen Geld allein gerichtet, sondern wegen der Bindung. Übertrage das Prinzip: Wo hängt dein Herz?
2) Verbinde Gehorsam mit Nachfolge. Du kannst Regeln kennen und dennoch vom eigenen Zentrum regiert werden. Frage dich: Geht es dir darum, Gottes Willen zu tun—oder darum, dich selbst in Ruhe zu halten? Nachfolge bedeutet, Jesus als Herrn ernst zu nehmen und Entscheidungen danach auszurichten.
3) Übe praktische Loslösung. Für den einen heißt das radikaler Schritt, für den anderen ein gelebter Stil: freigebig sein, Grenzen setzen, weniger festhalten, mehr teilen. Vielleicht ist heute keine wörtliche Besitzveräußerung gefordert, aber eine geistliche Bewegung: „Ich bin nicht Eigentümer, ich bin Verwalter.“
4) Geh zum Evangelium zurück, wenn du an dir verzweifelst. Wenn du merkst, dass du es „nicht hinbekommst“, ist das nicht automatisch das Ende—sondern ein Platz, an dem Gottes Möglichkeit greift. Bitte Gott um Gnade, um Mut und um ein Herz, das ihm vertraut.
So wird aus dem Text kein unerreichbarer Moralmaßstab, sondern eine Einladung in echte Freiheit.
Verwandte Bibelstellen
Matthäus 19,23-26
Diese Parallelstelle betont das gleiche Thema: Reichtum als Hindernis und Gottes rettende Möglichkeit.
Markus 10,17-27
Auch hier wird die Begegnung mit dem reichen Mann als Prüfung der Nachfolge und als Frage nach der Rettung behandelt.
Epheser 2,8-9
Zeigt, dass Rettung nicht durch Leistung erlangt wird, sondern aus Gnade—im Einklang mit Jesu „bei Gott ist möglich“.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet „es fehlt dir noch eins“ in Lukas 18,18-27?
Es bedeutet nicht, dass der Mann das Gebotsgesetz grundsätzlich falsch verstand. Jesus zeigt vielmehr, dass das Herz an etwas gebunden ist, das die Nachfolge blockiert. Für ihn ist es der Reichtum. Für uns kann es eine andere zentrale Sicherheit sein, die Gott verdrängt.
Warum sagt Jesus, dass Reiche es schwer haben, ins Reich Gottes zu kommen?
Jesus behauptet nicht, dass Besitz an sich automatisch sündig ist. Die Gefahr liegt darin, dass Reichtum Vertrauen ersetzt. Wenn das Herz in Möglichkeiten, Absicherung und Kontrolle verankert ist, fällt es schwer, Gottes Herrschaft anzunehmen.
Ist Lukas 18 18-27 eine Aufforderung, wirklich alles zu verkaufen?
Im konkreten Fall fordert Jesus den reichen Mann wörtlich dazu auf, alles zu veräußern, weil genau das seine Bindung darstellt. Das Prinzip gilt allen: Nachfolge braucht Entscheidungen, die das Herz wirklich freimachen. Die konkrete Umsetzung kann je nach Person verschieden sein.
Wie passt „bei Gott ist alles möglich“ zu Jesu klaren Forderungen?
Jesus macht deutlich: Menschliche Selbsthilfe reicht nicht bis zur Rettung. Gleichzeitig bleibt Nachfolge eine echte Antwort. Gottes Möglichkeit gibt die Kraft und den Anfang—aber der Mensch wird zur Entscheidung gerufen.
Ein kurzes Gebet
Herr Jesus, du siehst, was uns festhält. Wenn ich nach Sicherheit greife, mach mich frei—und wenn ich mich mit „guten“ Maßstäben zufrieden gebe, bring mich zu echter Nachfolge. Schenke mir ein Herz, das deiner Güte vertraut und bereit ist, loszulassen. Lass mich nicht an mir verzweifeln, sondern deine rettende Möglichkeit suchen. Amen.








