Predigt zu Lukas 10,25–37: Wer ist mein Nächster?

Bibelkommentar
Predigt zu Lukas 10,25–37: Wer ist mein Nächster?
Lukas 10,25-37 · Lutherbibel 1912
Lukas 10,25-37 (Lutherbibel 1912)
“Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Wie steht im Gesetz geschrieben? Wie lieset du? Er antwortete und sprach: 'Du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten als dich selbst.' Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tue das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: 'Wer ist denn mein Nächster?' Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Mörder; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Es begab sich aber ungefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit; da er kam zu der Stätte und sah ihn, ging er vorüber. Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß darein Öl und Wein und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein. Des anderen Tages reiste er und zog heraus zwei Groschen und gab sie dem Wirte und sprach zu ihm: Pflege sein; und so du was mehr wirst dartun, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Welcher dünkt dich, der unter diesen Dreien der Nächste sei gewesen dem, der unter die Mörder gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihn tat. Da sprach Jesus zu ihm: So gehe hin und tue desgleichen!”
Zwischenüberschrift: Jerusalem, Jericho und der Weg voller Gefahr
Lukas 10,25–37 spielt auf der Strecke von Jerusalem nach Jericho. Diese Region war in der Antike bekannt dafür, dass Reisende überfallen werden konnten. Der Weg wird in der Erzählung als gefährlich beschrieben: Ein Mann fällt unter die Mörder, wird geschlagen und halbtot zurückgelassen. In einer Gesellschaft, in der Reisen lange dauerten und Schutz begrenzt war, war schnelle Hilfe entscheidend.
Gleichzeitig zeigt Jesus die religiösen Rollen seiner Zuhörer: Ein Priester und ein Levit werden genannt. Beide gehörten zum religiösen Establishment und verbanden ihr Auftreten mit Pflichten rund um Reinheit und Gottesdienst. Gerade dadurch entsteht der Kontrast: Wer normalerweise „nah“ zu Gott wirkte, geht an dem Verletzten vorüber.
Die Samariter dagegen standen in Spannung zu den Juden. Historisch gab es scharfe Konflikte, Vorurteile und religiöse Unterschiede. Dass ausgerechnet ein Samariter sich als der Handelnde erweist, ist darum ein bewusst gesetzter Bruch mit den Erwartungen. Das Gleichnis zwingt dazu, die Grenze von „Zugehörigkeit“ und „Nächstenliebe“ neu zu denken: Liebe wird nicht durch Herkunft bestimmt, sondern durch Barmherzigkeit, die konkrete Verantwortung übernimmt.
Zwischenüberschrift: „Gesetz“ und „Nächster“ – Bedeutung im Ton der Frage
In Lukas 10 richtet der Schriftgelehrte seine Frage an Jesus so, dass es um „das Gesetz“ und um die richtige Auslegung geht. Der Ton ist dabei nicht nur neugierig, sondern prüfend: Man möchte wissen, wie Jesus die Gebote des Alten Testaments zusammenfasst und ob er sich „korrekt“ bewegt. Die Kernworte „lieben“ und „Nächster“ tragen im biblischen Sprachton mehr als bloße Gefühle in sich. Liebe ist praxisorientiert: Sie ordnet das ganze Leben ausgerichtet auf Gott und den Menschen.
Der Begriff „Nächster“ wird in der Erzählung gezielt herausgefordert. Der Schriftgelehrte möchte eine definierende Grenze („Wer gehört dazu?“), doch Jesus verschiebt den Fokus: Nächster ist nicht primär der, der „in dein System passt“, sondern der, der in Not vor dir ist und Hilfe braucht. Damit bekommt das Wort eine moralische Dynamik: Es ruft zur tätigen Barmherzigkeit auf.
Zwischenüberschrift: Warum Jesus die Frage vom „ewigen Leben“ auf Liebe lenkt
Die Szene beginnt mit einer scheinbar klaren Frage: „Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?“ Der Schriftgelehrte steht vor Jesus und misst ihn an der richtigen Antwort. Jesus lässt sich jedoch nicht auf eine bloße Prüfungslogik ein. Er greift das auf, was im Gesetz als Zusammenfassung der Beziehung zu Gott und zum Menschen beschrieben wird. So wird deutlich: Ewiges Leben hängt nicht an einer religiösen Leistung, sondern an einer Ausrichtung, die aus Gottes Liebe entsteht.
Jesus fragt nicht zuerst nach äußeren Handlungen, sondern nach dem, was das Gesetz bereits im Inneren verlangt: Gott „von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte“ zu lieben. Das sind keine vier voneinander getrennten Bereiche, sondern eine Steigerung: Es geht um Ganzheit. Ein Glaube, der nur einen Teil des Lebens betrifft, bleibt hinter dem Anspruch zurück.
Als Nächstes kommt die Liebe zum Nächsten „als dich selbst“. Auch hier ist die Richtung entscheidend: Liebe soll die Art von Wertschätzung und Sorge widerspiegeln, die jeder für sich selbst empfindet. Jesus baut damit eine Brücke: Wer Gott wirklich liebt, kann den Menschen nicht als Nebensache behandeln. Und wer den Menschen liebt, lernt, Gottes Willen konkret werden zu lassen.
Der Schriftgelehrte bestätigt die Antwort und will dann doch noch „die Grenzen abstecken“: „Wer ist denn mein Nächster?“ Das ist der entscheidende Punkt. Hinter der Frage steht ein Versuch, die Verantwortung kontrollierbar zu machen. Viele Menschen möchten Regeln so verstehen, dass sie wissen, wann man „genug“ getan hat und wann nicht. Jesus hingegen führt in das Gleichnis hinein und beantwortet die Frage nicht mit Definition, sondern mit Handlung.
Zwischenüberschrift: Priester und Levit – religiöse Pflichten können menschliche Not überdecken
Im Gleichnis kommt der verletzte Mann aus dem Blick der Gesellschaft nach und nach an andere „Akteure“ heran. Zuerst wird ein Priester erwähnt. Er sieht den Mann und geht vorüber. Dann folgt ein Levit: auch er kommt, sieht und geht vorüber. Diese beiden Figuren sind nicht zufällig ausgewählt. Sie stehen für religiöses Handeln, für Wissen, für Nähe zu Gottesdiensten.
Darum trifft die Erzählung besonders hart: Der Mensch in Not ist nicht „irgendein Fremder“, sondern ein konkreter Mitmensch. Und trotzdem geschieht keine Hilfe. Man kann darüber spekulieren, welche Motive in der Geschichte eine Rolle spielen könnten: Angst vor Verunreinigung, die Sorge um den Dienst, die Absicherung von Ritualvorschriften. Doch Jesus macht vor allem deutlich, dass religiöse Formalitäten den Dienst der Barmherzigkeit nicht ersetzen dürfen. Wo Gott geliebt wird, muss Gottes Willen auch den Blick auf den leidenden Menschen prägen.
Die Passanten handeln nicht aus offener Bosheit. Das macht das Gleichnis so realistisch. In vielen Lebenssituationen geht es nicht um „Hass“, sondern um Bequemlichkeit, Zeitdruck, Unentschlossenheit oder um das Gefühl: „Das ist nicht mein Problem.“ Gerade solche rationalen Ausreden können dazu führen, dass Mitmenschen übersehen werden.
Jesus zeigt zudem: Der „Weg“ ist nicht nur eine geografische Strecke, sondern steht für Situationen, in denen man entscheiden muss. Das Gleichnis fragt nicht: „Was glaubst du über Nächstenliebe?“, sondern: „Was tust du, wenn Not vor dir sichtbar wird?“ Das Sehen wird in der Erzählung betont. Priester und Levit sehen den Verletzten. Das Problem ist nicht Unwissen, sondern das Ausbleiben von Liebe in Taten.
Zwischenüberschrift (mit Variante): Der barmherzige Samariter in Lukas 10,25–37 – Liebe wird sichtbar
Als ein Samariter kommt, ändert sich der Ton. Die Geschichte sagt: „Da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden…“ Hier setzt Jesus den Maßstab. Barmherzigkeit beginnt nicht erst beim Ergebnis, sondern beim inneren Erschrecken über das Leid. Das „Jammern“ beschreibt eine Regung, die den Menschen nicht nur informiert, sondern bewegt.
Doch Jesus bleibt nicht beim Gefühl stehen. Der Samariter handelt. Er geht „zu ihm“, verbindet die Wunden, gießt Öl und Wein hinein. Öl und Wein standen damals für Heilbehandlungen und fürs Wundmanagement; vor allem zeigt dies: Er versorgt den Verletzten nicht symbolisch, sondern praktisch. Außerdem hebt er ihn auf sein Tier und bringt ihn in eine Herberge. Das ist eine Entscheidung mit Kosten und Mühe. Hilfe bleibt nicht am Wegesrand.
Der Samariter sorgt auch für die Zukunft: Am nächsten Tag holt er Geld heraus, gibt es dem Wirt und erklärt: „Pflege sein; und so du was mehr wirst dartun, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme.“ Das Gleichnis führt damit einen weiteren Aspekt ein: Nächstenliebe ist nicht nur kurzfristige Wohltätigkeit, sie kann Verpflichtung, Begleitung und finanzielle Verantwortung einschließen. Sie nimmt die Lage ernst, auch wenn das Problem komplexer ist als „ein paar Minuten Aufmerksamkeit“.
Jesus fragt danach direkt zurück: „Welcher dünkt dich, der unter diesen Dreien der Nächste sei gewesen dem, der unter die Mörder gefallen war?“ Der Schriftgelehrte muss antworten: „Der die Barmherzigkeit an ihn tat.“ Jesus nimmt die Antwort auf und zieht die Schlussfolgerung: „So gehe hin und tue desgleichen!“
Damit wird klar: „Nächster“ ist in dieser Geschichte nicht nur eine Kategorie, sondern ein Rollenwort. Der Nächste ist der, der Barmherzigkeit ausübt. Der Blick wird umgedreht: Nicht „Wer gehört zu mir?“, sondern „Wem kann ich gerade helfen?“
Zwischenüberschrift: Die Umkehrung der Frage – vom Definieren zum Dienen
Der Schriftgelehrte fragt: „Wer ist denn mein Nächster?“ Das klingt nach einer theologischen Klärung. In Wahrheit zeigt sich eine Tendenz, Verantwortung begrenzen zu wollen. Wenn man die richtigen Grenzen kennt, kann man sich innerhalb dieser Grenzen als „pflichtbewusst“ verstehen. Jesus aber legt die Messlatte anders an.
Im Gleichnis wird die Frage umgekehrt. Jesus macht den Verletzten nicht zum „Prüfstein“, der andere bewertet, sondern zeigt, dass Barmherzigkeit den Status des „Nächsten“ definiert. Der Priester und der Levit waren zwar in ihrer religiösen Rolle „nah an Gott“, doch sie werden im Urteil der Geschichte nicht zu echten Nachbarn. Der Samariter, der gesellschaftlich als „fern“ galt, wird zum Nächsten, weil er sich dem Leid zuwendet und es aktiv lindert.
So wird Lukas 10,25–37 zu einer Konfrontation für jede Zeit. Auch heute gibt es religiöse, kulturelle oder soziale Filter: „Der/die ist nicht wie wir“, „Das ist gefährlich“, „Das ist nicht mein Auftrag“, „Dafür gibt es Fachleute“. Jesus widersteht solchen Abkürzungen, indem er Liebe als Begegnung beschreibt. Wer Gott liebt, der kann nicht an menschlicher Not vorbeigehen, sobald die Not wirklich sichtbar ist.
Zugleich ist das Ziel nicht, dass alle Menschen die gleiche Tätigkeit im gleichen Umfang tun. Der Schwerpunkt liegt auf der Haltung, die sich in konkreter Tat zeigt: hinsehen, mitempfinden, hingehen, helfen, Vorsorge treffen. Das ist die Logik des Gleichnisses.
Der Abschluss („tue desgleichen“) beendet jede Auslegung im Kopf und lenkt in den Alltag. Der Schriftgelehrte hatte nach „was muß ich tun“ gefragt. Jesus antwortet: nicht zuerst mit einer neuen Definition, sondern mit dem nächsten Schritt der Liebe. Das ist evangeliumsgemäß: Gottes Anspruch wird nicht kleiner, aber er wird zugleich als Weg der Nachfolge konkret gemacht.
Zwischenüberschrift: So wendest du die Predigt zu Lukas 10,25–37 im Alltag an
1) Frag dich im Moment der Begegnung: „Was sehe ich wirklich?“ Oft ist Not zwar da, aber sie wird weggewischt. Jesus betont das Sehen. Nächstenliebe beginnt damit, dass man den Menschen nicht nur „registriert“, sondern wahrnimmt.
2) Übe den nächsten Schritt statt den großen Plan. Der Samariter geht „zu ihm“, verbindet Wunden, bringt Hilfe in eine Herberge. Das heißt: Liebe braucht Handlungsfähigkeit. Heute könnte das heißen: einen Anruf zurückgeben, praktisch Zeit schenken, bei einem Umzug helfen, eine Person begleiten, die gerade überfordert ist.
3) Entscheide dich gegen Ausreden, die sich wie „Pflicht“ tarnen. Priester und Levit mögen gute Gründe im Inneren gehabt haben. Doch Jesus zeigt: Religiöse oder organisatorische Motive dürfen menschliches Leid nicht überlagern.
4) Denke Verantwortung weiter als bis zur ersten Hilfe. Der Samariter sorgt am nächsten Tag erneut und übernimmt Kosten. Übertragen: Unterstütze nicht nur „für einen Tag“, sondern kläre mit: „Wie kann ich weiter helfen?“ Das kann eine Spende sein, ein Gesprächsangebot, eine dauerhafte Begleitung.
5) Lass das Herz mitgehen. Gefühle allein retten niemanden, aber ohne Mitleid wird Hilfe leicht lieblos. Bitte Gott darum, dass dein Herz bei der Not nicht erstarrt.
Verwandte Bibelstellen
Markus 12,30-31
Jesus fasst das Gesetz ähnlich zusammen: Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten bildet die Mitte des Glaubens.
Matthäus 5,7
Barmherzigkeit gehört zum Lebensstil derer, die Gottes Reich suchen.
Jakobus 2,14-17
Glaube wird sichtbar in Taten; bloße Worte ohne Hilfe für den Nächsten bleiben unvollständig.
Galater 6,10
Paulus erinnert daran, dass wir denen Gutes tun sollen, die in Not sind, und zwar besonders im Kreis des Glaubens.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet „der Nächste“ in der Predigt zu Lukas 10,25–37?
In Jesu Gleichnis ist „Nächster“ nicht primär die Person mit der richtigen Zugehörigkeit, sondern derjenige, der in Liebe handelt. Der Samariter wird als Nächster gesehen, weil er Barmherzigkeit übt: Er sieht die Not, geht hin, versorgt und übernimmt Verantwortung.
Warum gehen Priester und Levit im Gleichnis an dem Verletzten vorbei?
Jesus nennt keine detaillierten Motive, aber der Kontrast zeigt: Religiöse Stellung schützt nicht vor Versagen in der Barmherzigkeit. Der Punkt ist, dass äußere Pflichten die konkrete Hilfe in Not nicht ersetzen dürfen.
Wie passt die Frage nach dem ewigen Leben zu einem praktischen Beispiel?
Jesus lenkt die Frage weg von theoretischer Frömmigkeit hin zu einer ganzen Ausrichtung: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst. Darum ist das Gleichnis eine Antwort auf „was tun“: nicht nur definieren, sondern lieben in Tat.
Was ist die Kernaussage der Auslegung zu Lukas 10,25–37?
Die Kernaussage lautet: Echter Glaube zeigt sich in barmherziger Liebe, die den Menschen in Not ernst nimmt. Nächstenliebe entscheidet sich im „Gehen zu“ und im konkreten Handeln – und sie endet nicht nach dem ersten Schritt.
Ein kurzes Gebet
Herr Jesus, öffne unsere Augen für die Menschen, die heute unsere Straße kreuzen. Schenke uns ein Herz, das Mitleid empfindet, und Hände, die helfen. Bewahre uns vor Ausreden, die menschliche Not überdecken. Forme in uns die Liebe zu dir und die Liebe zum Nächsten, so dass unser Glaube sichtbar wird. Lehre uns, wie der Samariter Verantwortung zu übernehmen. Amen.








