Esekiel: Leben, Buch und zentrale Botschaft erklärt

Esekiel war ein jüdischer Priester und Prophet, der während des babylonischen Exils wirkte. Sein Buch gehört zu den großen Propheten des Alten Testaments und ist besonders für die Visionen vom Thronwagen Gottes, vom Tal der Totengebeine und vom neuen Tempel bekannt.
Seine Botschaft richtet sich an Menschen, die ihre Heimat verloren hatten und an Gottes Gegenwart zweifelten. Esekiel erklärt, warum Jerusalem und der Tempel untergingen, spricht über die Verantwortung jedes Einzelnen und eröffnet zugleich eine Hoffnung auf neues Leben, ein erneuertes Herz und eine wiederhergestellte Gemeinschaft.
Wer Esekiel war und wann er lebte
Der Name Esekiel bedeutet sinngemäß „Gott stärkt“ oder „Gott möge stärken“. Über sein Leben ist fast ausschließlich das bekannt, was sich aus seinem Buch erschließen lässt. Er stammte aus einer priesterlichen Familie und lebte im Umfeld der jüdischen Bevölkerung, die nach Babylonien verschleppt worden war.
Seine Berufung wird auf das fünfte Jahr der Verbannung des Königs Jojachin datiert. Esekiel befand sich zu dieser Zeit am Fluss Kebar, einem Wasserlauf in Babylonien. Dort beschreibt er eine gewaltige Vision, in der sich Gottes Herrlichkeit zeigt. Diese Erfahrung bildet den Auftakt zu seinem prophetischen Auftrag.
Esekiel wirkte damit nicht in erster Linie im zerstörten Jerusalem, sondern unter den Verbannten in Babylonien. Seine Zuhörer lebten fern von Tempel und Heimat. Für sie stellte sich eine grundlegende Frage: War Gott nur im Land Israel und besonders im Jerusalemer Tempel gegenwärtig, oder konnte er sein Volk auch im Exil erreichen?
Kerngedanke: Esekiels Visionen zeigen, dass Gottes Gegenwart nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist. Selbst im Exil bleibt Gott ansprechbar und handlungsfähig.
Das Buch nennt Esekiel wiederholt „Menschensohn“. Diese Anrede hebt den Abstand zwischen dem göttlichen Auftraggeber und dem menschlichen Boten hervor. Sie bedeutet hier nicht automatisch eine Bezeichnung für eine spätere messianische Gestalt, sondern erinnert Esekiel an seine menschliche Begrenztheit und seine Verantwortung.
Worum es im Buch Esekiel geht
Das Buch Esekiel behandelt drei eng verbundene Themen: das Gericht über Jerusalem, die Beurteilung fremder Völker und die Erneuerung Israels. Die Reihenfolge folgt einer dramatischen Bewegung von Krise und Verlust hin zu Wiederherstellung und neuer Hoffnung.
Zu Beginn steht die Schuld Jerusalems und Judas im Mittelpunkt. Esekiel deutet die politische Katastrophe nicht als zufälliges Unglück, sondern als Folge von Gewalt, Götzendienst, sozialem Unrecht und Untreue gegenüber Gott. Dabei kritisiert er nicht nur religiöse Rituale, sondern auch die Verantwortung der Führungsschicht und die Ausbeutung schwacher Menschen.
Nach den Worten gegen Jerusalem folgen Aussagen über mehrere Nachbarvölker. Esekiel macht deutlich, dass auch die Feinde Israels nicht außerhalb jeder moralischen Beurteilung stehen. Schadenfreude über den Fall Jerusalems, Gewalt, Hochmut und wirtschaftliche Ausbeutung werden ebenfalls als schuldhaft dargestellt.
Der spätere Teil des Buches verändert den Ton. Gott verspricht eine Sammlung der Zerstreuten, eine innere Erneuerung des Volkes und eine neue Ordnung. Bilder von Wasser, Weideland, einem guten Hirten und einer heiligen Stadt machen die Hoffnung anschaulich.
Wie das Buch Esekiel aufgebaut ist
Das Buch umfasst 48 Kapitel. Die einzelnen Abschnitte unterscheiden sich in Inhalt, Bildsprache und Stimmung, hängen aber durch die wiederkehrende Vorstellung von Gottes Herrlichkeit zusammen.
- Kapitel 1–3: Berufung Esekiels und Vision der göttlichen Herrlichkeit.
- Kapitel 4–24: Zeichenhandlungen und Gerichtsworte gegen Jerusalem und Juda.
- Kapitel 25–32: Aussagen über benachbarte Völker und große Reiche.
- Kapitel 33–39: erneuter Auftrag, Hoffnung für Israel und Bilder von künftiger Sicherheit.
- Kapitel 40–48: Vision eines neuen Tempelbezirks, einer geordneten Landschaft und einer Stadt mit neuer Bedeutung.
Diese Einteilung ist eine hilfreiche Orientierung, darf aber nicht zu streng verstanden werden. Einzelne Motive kehren wieder, und manche Kapitel verbinden Gericht und Hoffnung. Besonders bedeutsam ist der Wechsel in Kapitel 33: Nach der Nachricht vom Fall Jerusalems beginnt eine neue Phase der prophetischen Verkündigung.
Was Esekiel in seinen Visionen sieht
Die erste Vision am Fluss Kebar gehört zu den eindrucksvollsten Texten der Bibel. Esekiel beschreibt einen Sturm, eine leuchtende Wolke, eigenartige Wesen und Räder, die sich in mehrere Richtungen bewegen können. Über ihnen erscheint eine Gestalt, die mit der Herrlichkeit Gottes verbunden ist.
Die Einzelheiten sind nicht als technische Skizze eines Himmelsfahrzeugs zu verstehen. Die Vision arbeitet mit Symbolen für Beweglichkeit, Macht und allumfassende Wahrnehmung. Die Räder können sich in jede Richtung bewegen, ohne sich umständlich zu wenden. Damit wird bildlich ausgedrückt, dass Gottes Herrschaft nicht auf Jerusalem begrenzt ist.
Die lebendigen Wesen werden später mit Keruben in Verbindung gebracht. In der biblischen Bildwelt sind Keruben keine niedlichen geflügelten Figuren, sondern mächtige Wesen in der Nähe der göttlichen Herrlichkeit. Ihre Darstellung soll Ehrfurcht wecken und die Unvergleichbarkeit Gottes hervorheben.
Eine zweite wichtige Vision schildert, wie Esekiel die religiösen Verfehlungen in Jerusalem wahrnimmt. Er sieht Bilder des Götzendienstes und Handlungen, die den Tempel entweihen. Die Vision deutet an, dass das Gericht nicht willkürlich kommt: Es steht im Zusammenhang mit dem Verhalten von Führung und Bevölkerung.
In einer weiteren Vision verlässt die Herrlichkeit Gottes den Tempel. Dieses Bild ist theologisch besonders einschneidend. Es erklärt den Verlust des Heiligtums nicht als Niederlage Gottes gegenüber den Babyloniern, sondern als Folge der Entfremdung zwischen Gott und seinem Volk.
Welche Zeichenhandlungen Esekiel ausführt
Esekiel vermittelt seine Botschaft nicht nur durch Reden. Er verwendet körperliche Zeichenhandlungen, die seine Zuhörer irritieren und zum Nachdenken zwingen. Viele dieser Handlungen stellen zukünftige Ereignisse symbolisch dar, etwa Belagerung, Flucht, Hunger oder die Zerstörung Jerusalems.
Er soll unter anderem die Belagerung einer Stadt darstellen und seine Ernährung stark begrenzen. An anderer Stelle muss er sein Gepäck wie jemand packen, der heimlich aus einer bedrohten Stadt flieht. Durch solche Handlungen wird das kommende Geschehen sichtbar und bleibt nicht bloß eine abstrakte Warnung.
Besonders eindrucksvoll ist die symbolische Behandlung seiner Haare. Esekiel schneidet sie ab und teilt sie auf unterschiedliche Weise. Damit wird veranschaulicht, dass die Bevölkerung Jerusalems durch Gericht, Schwert, Hunger und Zerstreuung getroffen wird.
Auch persönliche Erfahrungen werden in den prophetischen Auftrag einbezogen. Der Tod von Esekiels Frau wird zu einem Zeichen für den Schmerz über die bevorstehende Katastrophe. Der Text schildert dabei keine gefühllose Reaktion, sondern eine außergewöhnliche Form prophetischer Darstellung, die den Verlust des Heiligtums und der Heimat ankündigt.
Solche Passagen können aus heutiger Sicht verstörend wirken. Sie sollten nicht als allgemeine Aufforderung verstanden werden, religiöse Botschaften durch Selbstschädigung oder extreme Handlungen zu vermitteln. Sie gehören in die besondere Welt der antiken Prophetie und in den konkreten historischen Zusammenhang des Exils.
Warum Esekiel den Fall Jerusalems deutet
Jerusalem galt als Ort des Tempels und damit als Zentrum der Verehrung Gottes. Die Zerstörung der Stadt und des Heiligtums stellte deshalb nicht nur eine politische Niederlage dar. Sie erschütterte die gesamte religiöse Ordnung.
Esekiel gibt darauf eine unbequeme Antwort: Das Gericht hat eine Vorgeschichte. Der Prophet nennt Götzendienst, Korruption, Gewalt und mangelnde Rücksicht auf Arme und Schutzbedürftige. Die religiöse Zugehörigkeit allein schützt nicht vor Verantwortung.
Dabei richtet sich die Kritik nicht nur gegen die Bevölkerung. Esekiel spricht auch die Herrscher und religiösen Verantwortlichen an. Wer seine Stellung zur eigenen Bereicherung nutzt oder die Menschen nicht schützt, trägt eine besondere Schuld.
Die Vorstellung von Gottes Herrlichkeit, die den Tempel verlässt, nimmt den Exilierten zugleich einen falschen Trost. Der Tempel ist kein Schutz gegen jede Konsequenz. Heilige Orte und religiöse Symbole ersetzen keine gerechte Lebensführung.
Diese Deutung bedeutet nicht, dass jedes Leid direkt auf die persönliche Schuld eines Betroffenen zurückgeführt werden darf. Esekiels Botschaft bezieht sich auf die kollektive Krise Jerusalems und auf die Verantwortung bestimmter Akteure. Eine vorschnelle Anwendung auf einzelne Menschen würde den Text verkürzen.
Was Esekiel über persönliche Verantwortung sagt
In Kapitel 18 setzt sich Esekiel mit einem Sprichwort auseinander, nach dem Kinder die Folgen der Schuld ihrer Eltern tragen müssten. Er weist diese einfache Vorstellung zurück. Jeder Mensch wird nach dem eigenen Verhalten beurteilt, nicht allein nach der Herkunft oder der Vergangenheit der Familie.
Der Prophet beschreibt dabei verschiedene Möglichkeiten: Ein gerechter Mensch kann leben, ein gewalttätiger Mensch kann sich ändern, und ein bisher gerechter Mensch kann sich von seinem guten Weg abwenden. Entscheidend ist nicht ein unveränderliches Etikett, sondern die aktuelle Haltung und das konkrete Handeln.
Dieser Gedanke verbindet persönliche und gesellschaftliche Verantwortung. Esekiel spricht über einzelne Menschen, ohne die strukturelle Schuld von Königen, Beamten und religiösen Leitern auszublenden. Beide Ebenen gehören zusammen: Menschen handeln selbst verantwortlich, und Machtpositionen verstärken die Wirkung dieses Handelns.
Der Abschnitt betont außerdem, dass Umkehr möglich ist. Gott will nach Esekiels Darstellung nicht den Tod des Schuldigen, sondern dessen Umkehr und neues Leben. Gericht und Barmherzigkeit stehen deshalb nicht einfach gegeneinander, sondern gehören in einen Prozess der moralischen Entscheidung.

Welche Hoffnung Esekiel den Verbannten gibt
Die Hoffnung im Buch Esekiel ist nicht bloß eine Rückkehr zu früheren Zuständen. Gott verspricht eine innere und gemeinschaftliche Erneuerung. Das Volk soll gesammelt, gereinigt und mit einem neuen Herzen ausgestattet werden.
Das Bild vom neuen Herzen beschreibt keine medizinische Veränderung, sondern eine veränderte innere Ausrichtung. Menschen sollen nicht länger von widerspenstigem oder unempfindlichem Verhalten bestimmt sein. Gottes Geist befähigt sie, in einer neuen Weise zu leben.
In Kapitel 36 verbindet Esekiel die Erneuerung des Volkes mit der Reinigung von Unrecht und Götzendienst. Die Wiederherstellung dient nicht dem nationalen Stolz, sondern soll zeigen, dass Gottes Name nicht dauerhaft mit der Schuld seines Volkes verbunden bleiben soll.
Das Bild vom Tal der Totengebeine in Kapitel 37 gehört zu den bekanntesten Visionen. Esekiel sieht ein Tal voller Knochen, die wieder zusammengefügt, mit Sehnen und Fleisch bedeckt und durch Lebensatem belebt werden. Die Vision erklärt zunächst die Hoffnung Israels als Volk: Die politisch und gesellschaftlich tot wirkende Gemeinschaft kann wieder aufgerichtet werden.
Die Vision spricht damit nicht nur über individuelle Auferstehung. Ihr unmittelbarer Zusammenhang ist die nationale Verzweiflung der Verbannten. Sie sagen sinngemäß, ihre Hoffnung sei verdorrt und ihre Zukunft abgeschnitten. Esekiel antwortet mit dem Bild, dass Gott selbst eine scheinbar unmögliche Erneuerung bewirken kann.
Wie Esekiel Führung und falsche Sicherheit beurteilt
In Kapitel 34 kritisiert Esekiel die Hirten Israels. Mit diesem Bild sind die politischen und religiösen Führer gemeint. Sie hätten sich selbst versorgt, die Herde aber vernachlässigt. Schwache wurden nicht gestärkt, Kranke nicht geheilt und Verlorene nicht gesucht.
Die Kritik ist konkret: Gute Führung zeigt sich nicht nur in Reden oder religiösen Ansprüchen, sondern darin, wie mit verletzlichen Menschen umgegangen wird. Esekiel verbindet daher Leitung, Schutz und Gerechtigkeit.
Gott kündigt an, selbst nach den verstreuten Schafen zu suchen. Zusätzlich wird ein einziger Hirte aus der Linie Davids erwähnt, der für Frieden und gute Ordnung stehen soll. Die Auslegung dieses Bildes wird in jüdischen und christlichen Traditionen unterschiedlich verstanden; der Text verbindet es jedenfalls mit der Hoffnung auf verantwortliche und gerechte Führung.
Auch fremde Mächte werden für ihre Überheblichkeit kritisiert. Besonders die Aussagen gegen den Fürsten von Tyrus und gegen Ägypten zeigen, dass politischer Einfluss und wirtschaftlicher Reichtum nicht vor dem Gericht schützen. Wer seine Macht als unantastbar betrachtet, überschätzt nach Esekiels Darstellung die eigene Stellung.
Was die Tempelvision am Ende des Buches bedeutet
Die Kapitel 40 bis 48 beschreiben eine große Vision eines künftigen Tempelbezirks. Ein göttlicher Bote führt Esekiel durch Tore, Höfe, Räume und Abmessungen. Die Vielzahl der Maße wirkt zunächst technisch, erfüllt aber eine symbolische Funktion: Die neue Ordnung soll klar, geordnet und nicht willkürlich sein.
Im Zentrum steht die Rückkehr der göttlichen Herrlichkeit. Nach der früheren Vision des verlassenen Tempels erscheint nun die Hoffnung, dass Gott wieder inmitten seines Volkes wohnt. Die Wiederherstellung wird dadurch nicht nur politisch, sondern vor allem theologisch und gemeinschaftlich gedeutet.
Ein Strom fließt aus dem Tempel und wird immer tiefer. Er macht salziges Wasser lebendig und lässt Bäume wachsen, deren Früchte und Blätter heilende Bedeutung haben. Wasser steht hier für Lebenskraft, Segen und die Erneuerung einer beschädigten Welt.
Die Vision verteilt außerdem das Land neu und beschreibt die Stadt mit einem besonderen Namen: „Der Herr ist dort.“ Die Pointe liegt weniger in einer architektonischen Bauanleitung als in der Aussage, dass Gottes Gegenwart das Kennzeichen der erneuerten Gemeinschaft ist.
Die Tempelvision wird in verschiedenen religiösen Traditionen unterschiedlich ausgelegt. Manche lesen sie stärker als zukünftige Verheißung, andere als symbolisches Bild für eine erneuerte Gottesgemeinschaft. Eine verantwortliche Auslegung berücksichtigt dabei den Gesamtzusammenhang des Buches und setzt einzelne Maße nicht vorschnell mit modernen Bauplänen gleich.
Welche Themen sich durch Esekiels Botschaft ziehen
- Gottes Gegenwart im Exil: Der Verlust des Tempels bedeutet nicht, dass Gott auf Jerusalem beschränkt wäre.
- Verantwortung: Einzelne Menschen und politische Führer werden an ihrem konkreten Handeln gemessen.
- Gerechtigkeit: Religiöse Formen können Gewalt, Ausbeutung und Korruption nicht verdecken.
- Umkehr: Schuld wird ernst genommen, aber Veränderung bleibt möglich.
- Erneuerung: Gott kann eine zerbrochene Gemeinschaft innerlich und äußerlich wiederherstellen.
- Heiligkeit: Die Nähe Gottes verlangt eine geordnete und verantwortliche Lebensweise.
Diese Themen erklären auch die ungewöhnliche Verbindung von harten Gerichtsworten und starken Hoffnungsbildern. Esekiel beschönigt die Katastrophe nicht, lässt sie aber auch nicht zum letzten Wort werden. Die Hoffnung entsteht nicht durch Verdrängung, sondern durch die Bereitschaft, Schuld, Verlust und Veränderung zusammenzudenken.
Wie Sie das Buch Esekiel sinnvoll lesen
Eine vollständige Lektüre ist anspruchsvoll, weil Esekiel zwischen Vision, Gleichnis, Zeichenhandlung, Gerichtsrede und Zukunftsbild wechselt. Es hilft, nicht jede Einzelheit sofort isoliert auszulegen. Achten Sie zuerst darauf, wer spricht, an wen die Worte gerichtet sind und welche Situation im Hintergrund steht.
- Lesen Sie den Abschnitt im Zusammenhang: Prüfen Sie, welche Kapitel davor und danach stehen.
- Ordnen Sie die Szene ein: Fragen Sie, ob es um die Zeit vor dem Fall Jerusalems, um die Krise selbst oder um die Zeit danach geht.
- Unterscheiden Sie Bild und Aussage: Ein Rad, ein Strom oder ein Knochenfeld sind Bilder, deren Bedeutung aus dem Zusammenhang entsteht.
- Beachten Sie die wiederkehrenden Motive: Gottes Herrlichkeit, der Geist, das Volk, der Tempel und die Verantwortung verbinden viele Abschnitte.
- Lesen Sie schwierige Gerichtstexte nicht isoliert: Stellen Sie ihnen die Texte über Umkehr, neues Herz und Wiederherstellung gegenüber.
Für einen ersten Zugang eignen sich mehrere Schlüsselstellen: die Berufungsvision in Kapitel 1, die Verantwortung des Einzelnen in Kapitel 18, die Kritik an den Hirten in Kapitel 34, das Tal der Totengebeine in Kapitel 37 und die Tempelvision ab Kapitel 40. Diese Texte zeigen die wichtigsten Linien, ohne dass Sie sofort jedes Detail des Buches beherrschen müssen.
Lesetipp: Notieren Sie bei jeder Vision drei Dinge: die sichtbaren Bilder, die angesprochene Krise und die Hoffnung oder Warnung, die daraus folgt. So bleibt die Symbolsprache mit der Botschaft verbunden.
Welche häufigen Fehler bei der Auslegung entstehen
Esekiel wird oft nur wegen seiner spektakulären Visionen gelesen. Dadurch geraten seine Aussagen über soziale Verantwortung, politische Macht und die konkrete Erfahrung des Exils leicht aus dem Blick. Einige typische Fehlinterpretationen lassen sich vermeiden.
- Die Vision am Anfang als moderne Technikbeschreibung lesen: Die Räder und Wesen gehören zur religiösen Bildsprache des Textes. Eine direkte Gleichsetzung mit Maschinen oder Raumfahrzeugen ignoriert den Zusammenhang.
- Das Tal der Totengebeine ausschließlich auf die individuelle Auferstehung beziehen: Im unmittelbaren Kontext geht es um die Wiederbelebung der Hoffnung Israels als Gemeinschaft.
- Die Tempelvision als vollständige Bauanleitung behandeln: Die Maße und Räume haben eine ordnende und symbolische Funktion. Der Text ist nicht ohne Weiteres ein moderner Architekturplan.
- Gerichtsworte auf jedes persönliche Unglück übertragen: Esekiel deutet die Katastrophe Jerusalems in einem besonderen historischen Zusammenhang. Daraus folgt keine einfache Erklärung für jedes Leiden.
- Die Rolle des Propheten mit heutigen Maßstäben vorschnell beurteilen: Zeichenhandlungen gehören zu einer bestimmten prophetischen Kommunikationsform. Sie sind kein allgemeines Modell für religiöses Verhalten.
- Hoffnung und Gericht voneinander trennen: Das Buch führt durch die Krise hindurch zu Erneuerung. Wer nur eine Seite betrachtet, verfehlt Esekiels Gesamtbotschaft.
Warum Esekiel bis heute gelesen wird
Esekiels Texte sprechen Menschen an, die mit Verlust, Entwurzelung und gesellschaftlicher Krise umgehen müssen. Der Prophet nimmt die Erfahrung ernst, dass vertraute Institutionen zusammenbrechen können. Gleichzeitig hält er an der Möglichkeit fest, dass eine zerstörte Gemeinschaft nicht für immer zerstört bleiben muss.
Seine Kritik an Führung bleibt ebenfalls aktuell. Wer Verantwortung trägt, soll nicht zuerst den eigenen Vorteil suchen, sondern verletzliche Menschen schützen. Damit verbindet Esekiel religiöse Treue mit Gerechtigkeit, Verlässlichkeit und dem Umgang mit Macht.
Auch die Vorstellung eines neuen Herzens setzt einen wichtigen Akzent. Veränderung ist nach Esekiel mehr als ein äußerer Wechsel von Ort, Regierung oder Ritual. Eine erneuerte Zukunft braucht Menschen, deren innere Haltung sich verändert und die dadurch anders miteinander leben.
Schließlich zeigt Esekiel, wie religiöse Hoffnung nach einer Katastrophe formuliert werden kann. Sie leugnet den Verlust nicht, verklärt die Vergangenheit nicht und verspricht keine beliebige Rückkehr. Sie verbindet Gottes Gegenwart mit Reinigung, Verantwortung, neuer Gemeinschaft und einer Welt, in der Leben wieder möglich wird.
Häufig gestellte Fragen
War Esekiel ein Priester oder nur ein Prophet?
Esekiel stammte aus einer priesterlichen Familie und wird traditionell als Priester und Prophet verstanden. Das Buch nennt ihn als Sohn des Priesters Busí. Seine priesterliche Herkunft prägt viele Themen: die Heiligkeit des Tempels, die Gegenwart Gottes, Reinheit und die Ordnung des Gottesdienstes. Zugleich richtet er seine Botschaft nicht nur an religiöse Fachleute, sondern an die gesamte Gemeinschaft im Exil.
Wo wirkte Esekiel?
Esekiel wirkte unter den jüdischen Verbannten in Babylonien, nicht hauptsächlich im damaligen Jerusalem. Seine Berufung erhielt er am Fluss Kebar. Der genaue Ort dieses Wasserlaufs ist nicht in allen Einzelheiten sicher zu bestimmen, doch der Zusammenhang mit dem babylonischen Exil ist eindeutig. Seine Botschaft erklärt den Menschen fern der Heimat, wie sie ihre Krise religiös verstehen können.
Ist Esekiels Vision vom Tempel ein realer Bauplan?
Die Kapitel 40 bis 48 beschreiben den Tempelbezirk mit auffallend vielen Maßen und Einzelheiten. Trotzdem sollte die Vision nicht vorschnell als vollständiger Bauplan gelesen werden. Sie vermittelt vor allem eine geordnete, heilige und erneuerte Welt, in deren Mittelpunkt Gottes Gegenwart steht. Je nach religiöser Tradition wird sie wörtlicher oder stärker symbolisch ausgelegt.
Was bedeutet das Tal der Totengebeine bei Esekiel?
Das Tal der Totengebeine in Kapitel 37 steht zunächst für die Hoffnung Israels als Volk. Die Verbannten fühlen sich politisch und geistlich wie eine tote Gemeinschaft ohne Zukunft. Esekiels Vision beschreibt, wie Gott diese Gemeinschaft wieder aufrichtet und ihr neues Leben schenkt. Der Text kann später auch auf Auferstehung bezogen werden, sein unmittelbarer Zusammenhang ist jedoch die Erneuerung Israels.











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