Apokryphen der Bibel: Bücher und ihre Bedeutung

Wenn Sie in einer Bibel nach den Apokryphen suchen, finden Sie je nach Ausgabe unterschiedliche Bücher. Manche Bibeln enthalten sie zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, andere führen sie gar nicht auf. Die kurze Antwort lautet: Apokryphen sind religiöse Schriften, die in bestimmten christlichen Traditionen zur Bibel gehören, in anderen aber nicht zum verbindlichen Kanon gezählt werden.
Der Begriff ist allerdings nicht ganz eindeutig. Im deutschen Sprachgebrauch meint „Apokryphen“ meistens die zusätzlichen Schriften zum Alten Testament, die katholische und orthodoxe Kirchen überwiegend als deuterokanonische Bücher oder als Teil des Alten Testaments anerkennen. Außerdem werden auch bestimmte frühchristliche Schriften außerhalb des Neuen Testaments als neutestamentliche Apokryphen bezeichnet.
Welche Bücher zu den biblischen Apokryphen gehören
Welche Schriften als apokryph gelten, hängt von der jeweiligen Kirche und Bibeltradition ab. In evangelischen Bibeln werden meist Tobit, Judit, Weisheit, Jesus Sirach, Baruch, 1. und 2. Makkabäer sowie Ergänzungen zu Ester und Daniel als Apokryphen bezeichnet. Diese Bücher stehen oft in einem eigenen Abschnitt und nicht innerhalb des Alten Testaments.
Die katholische Kirche zählt diese Schriften größtenteils zum Alten Testament. Dort heißen sie deuterokanonische Schriften. „Deuterokanonisch“ bedeutet nicht, dass sie weniger wertvoll wären, sondern dass ihre Anerkennung in der kirchlichen Geschichte später oder in anderer Weise erfolgte als bei den sogenannten protokanonischen Büchern.
Auch die orthodoxen Kirchen haben einen eigenen Umgang mit diesen Texten. Ihre Bibelausgaben können zusätzlich Schriften enthalten, die in katholischen Bibeln nicht vorkommen, etwa den Psalm 151, den dritten Makkabäerbrief oder das erste Buch Esra. Die genaue Zusammenstellung unterscheidet sich je nach orthodoxer Kirche.
- Tobit: Eine Familiengeschichte über Glauben, Krankheit, Heilung und die Begleitung durch den Engel Rafael.
- Judit: Die Erzählung einer mutigen Frau, die ihr Volk in einer militärischen Bedrohung rettet.
- Weisheit: Eine philosophisch geprägte Schrift über Gerechtigkeit, Vergänglichkeit und das Leben bei Gott.
- Jesus Sirach: Eine Sammlung praktischer Lebensweisheit zu Familie, Freundschaft, Bildung, Arbeit und Gottesfurcht.
- Baruch: Texte über Schuld, Umkehr, Hoffnung und die Weisheit Israels.
- 1. und 2. Makkabäer: Berichte über den jüdischen Widerstand gegen die religiöse und politische Unterdrückung im zweiten Jahrhundert vor Christus.
- Ergänzungen zu Ester und Daniel: Erweiterungen, die Gebete, Traumvisionen und zusätzliche Szenen enthalten.
Merksatz: „Apokryph“ bedeutet in diesem Zusammenhang meist nicht „falsch“, sondern „nicht in allen Kirchen als Teil des biblischen Kanons anerkannt“.
Warum die Bibeln unterschiedliche Umfänge haben
Die Unterschiede hängen mit der Entstehung des biblischen Kanons zusammen. Der Kanon ist die Gesamtheit der Schriften, die eine Glaubensgemeinschaft als verbindliche Heilige Schrift anerkennt. Er wurde nicht in einem einzigen Moment von allen Kirchen nach denselben Kriterien festgelegt.
Für die jüdische Bibel war vor allem die Überlieferung hebräischer und teilweise aramäischer Schriften maßgeblich. Einige zusätzliche Bücher waren jedoch in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der sogenannten Septuaginta, überliefert. Diese Übersetzung war in der hellenistisch geprägten jüdischen Welt und später unter vielen Christen weit verbreitet.
Die frühen Christen lasen das Alte Testament daher häufig in griechischer Sprache. Die in der Septuaginta enthaltenen Schriften wurden in verschiedenen Gemeinden genutzt, vorgelesen und ausgelegt. Dennoch bestand nicht überall Einigkeit darüber, ob alle diese Bücher denselben Rang wie die hebräischen Schriften besaßen.
Im Lauf der Kirchengeschichte entwickelten sich unterschiedliche Listen. Die Reformation orientierte sich bei der Ordnung des Alten Testaments stärker am hebräischen Bestand. Martin Luther stellte die zusätzlichen Bücher in einen eigenen Abschnitt und bezeichnete sie als Schriften, die nützlich und gut zu lesen seien, aber nicht denselben Rang wie die kanonischen Bücher hätten.
Die katholische Kirche bestätigte ihre Sicht auf den Umfang des Alten Testaments im 16. Jahrhundert ausdrücklich. Das war auch eine Reaktion auf die kontroversen Debatten der Reformationszeit. Orthodoxe Kirchen bewahrten teilweise andere liturgische und textliche Traditionen, sodass ihr Bibelumfang nicht vollständig mit dem katholischen oder evangelischen übereinstimmt.
Wie Sie eine apokryphe Schrift richtig einordnen
Wenn Sie ein unbekanntes biblisches Buch lesen, helfen einige einfache Schritte. Sie vermeiden damit, die Bezeichnung „apokryph“ vorschnell mit „unwahr“ oder „verboten“ gleichzusetzen.
- Prüfen Sie die Bibelausgabe: Sehen Sie im Inhaltsverzeichnis nach, ob das Buch im Alten Testament, in einem gesonderten Apokryphen-Teil oder gar nicht enthalten ist.
- Bestimmen Sie die kirchliche Tradition: Eine katholische, evangelische, orthodoxe oder altorientalische Bibel kann dieselbe Schrift unterschiedlich bewerten.
- Unterscheiden Sie zwischen Altem und Neuem Testament: Tobit und Jesus Sirach gehören zur Diskussion um den alttestamentlichen Kanon; das Thomasevangelium gehört zu den außerkanonischen frühchristlichen Schriften.
- Beachten Sie die Textsprache: Einige Schriften sind vollständig oder teilweise in Griechisch überliefert, andere in Hebräisch oder Aramäisch bezeugt.
- Lesen Sie die Gattung: Eine Weisheitssammlung, ein Märtyrerbericht und eine erzählende Legende verfolgen unterschiedliche Ziele und sollten nicht auf dieselbe Weise gelesen werden.
- Vergleichen Sie die Einordnung: Vorreden, Anmerkungen und kirchliche Bibellexika erklären meist, welchen Status die Schrift in der jeweiligen Ausgabe hat.
Diese Vorgehensweise ist besonders hilfreich, wenn Sie eine Bibelstelle in einer Predigt, einem historischen Roman oder einem wissenschaftlichen Text finden. Eine Angabe wie „Weisheit 3“ kann in einer evangelischen Bibel anders präsentiert werden als in einer katholischen Ausgabe, obwohl der Inhalt derselbe bleibt.
Was „apokryph“ ursprünglich bedeutet
Das griechische Wort apokryphos lässt sich mit „verborgen“ oder „versteckt“ wiedergeben. In der Antike konnte damit ein Text gemeint sein, der nicht öffentlich vorgelesen wurde oder nur einem begrenzten Kreis zugänglich war. Die ursprüngliche Wortbedeutung sagt jedoch noch nichts darüber aus, ob eine Schrift historisch zuverlässig oder theologisch wertvoll ist.
Später wurde „apokryph“ vor allem zu einer Bezeichnung für Schriften, die nicht in den anerkannten Kanon aufgenommen wurden. Der Begriff wurde dabei unterschiedlich verwendet. Eine katholische Bibel nennt Tobit nicht einfach einen minderwertigen Geheimtext, sondern ein deuterokanonisches Buch des Alten Testaments. Ein evangelischer Leser kann dasselbe Buch als Apokryphe bezeichnen.
Die Bezeichnung beschreibt deshalb häufig eine Frage der Einordnung, nicht eine abschließende Bewertung des Inhalts. Auch außerhalb des Kanons können Schriften für die Geschichte des Judentums, des Christentums, der Bibelauslegung und der Literatur bedeutsam sein.
Welche Themen die alttestamentlichen Apokryphen behandeln
Die zusätzlichen Schriften stammen aus unterschiedlichen Zeiten und verfolgen verschiedene Absichten. Viele entstanden in der Zeit zwischen der Abfassung großer Teile des Alten Testaments und dem Auftreten des frühen Christentums. Diese Epoche war von persischer, hellenistischer und später römischer Herrschaft geprägt.
Wie Tobit über Familie, Gebet und Hilfe spricht
Das Buch Tobit verbindet Familiengeschichte, Frömmigkeit und Reiseerzählung. Tobit lebt als Israelit in der Zerstreuung und bemüht sich, nach den Geboten seiner Tradition zu handeln. Eine schwere Prüfung, die Krankheit und eine gefahrvolle Reise seines Sohnes Tobias führen schließlich zu Heilung und neuer Hoffnung.
Eine zentrale Figur ist der Engel Rafael. Er begleitet Tobias, ohne zunächst offen zu sagen, wer er ist. Die Erzählung zeigt, wie Gottes Hilfe durch menschliche Begleitung wirksam werden kann. Zugleich enthält das Buch Gebete, Ratschläge für Ehe und Familie sowie Vorstellungen über Almosen und die Sorge für Verstorbene.
Was Judit über Mut und Verantwortung erzählt
Judit schildert eine jüdische Witwe, die sich einer übermächtigen Bedrohung entgegenstellt. Mit Klugheit, religiöser Überzeugung und persönlichem Mut handelt sie gegen den feindlichen Heerführer. Die Geschichte ist nicht einfach als militärischer Tatsachenbericht zu lesen, sondern als theologisch geprägte Erzählung über die Rettung Israels.
Judit verkörpert eine ungewöhnlich entschlossene weibliche Hauptfigur. Sie handelt nicht aus persönlichem Ehrgeiz, sondern versteht ihren Einsatz als Verantwortung für ihre Gemeinschaft. Das Buch verbindet Gebet, politische Bedrohung und die Frage, wie Menschen in einer scheinbar aussichtslosen Lage handeln können.
Welche Weisheit Jesus Sirach vermittelt
Jesus Sirach, auch einfach Sirach genannt, ist eine umfangreiche Sammlung von Lebensregeln und Beobachtungen. Behandelt werden unter anderem der Umgang mit Reichtum, Freundschaft, Bildung, Zorn, Gastfreundschaft, Krankheit und Autorität. Der Text richtet sich an Menschen, die ein verantwortungsvolles Leben in der Gemeinschaft führen wollen.
Besonders aufschlussreich ist die Verbindung von praktischer Klugheit und Gottesfurcht. Bildung wird nicht als bloße Ansammlung von Wissen verstanden. Sie soll den Charakter formen und zu einem gerechten Verhalten führen. Von Jesus Sirach sind außerdem hebräische Textteile überliefert, die für die Erforschung der Textgeschichte wichtig sind.
Warum das Buch der Weisheit philosophisch geprägt ist
Das Buch der Weisheit setzt sich mit der Frage auseinander, warum gerechte Menschen leiden und warum ungerechte Menschen scheinbar erfolgreich sein können. Es verbindet jüdischen Glauben mit Gedanken aus der griechisch geprägten Bildungswelt. Die Weisheit erscheint als Gabe Gottes, die den Menschen zu einem gerechten Leben führt.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Hoffnung über den Tod hinaus. Das Buch spricht von der bleibenden Nähe der Gerechten zu Gott und deutet das menschliche Leben aus einer Perspektive, die über sichtbaren Erfolg hinausreicht. Spätere christliche Theologen griffen einzelne Gedanken daraus auf.
Was Baruch und die Esterzusätze ergänzen
Baruch verbindet Gebet, Buße und Hoffnung. Das Buch deutet die Katastrophe Jerusalems als Folge von Untreue, richtet den Blick aber zugleich auf Umkehr und die bleibende Bedeutung der Weisheit. Die sogenannte „Brief des Jeremia“ genannte Schrift wird in vielen Traditionen mit Baruch verbunden oder als dessen sechstes Kapitel geführt.
Die Ergänzungen zum Buch Ester enthalten Passagen, in denen Gebete und der Bezug zu Gott deutlicher hervortreten. Im hebräischen Esterbuch wird Gottes Name nicht ausdrücklich genannt. Die griechischen Ergänzungen gestalten die religiöse Dimension der Handlung daher wesentlich sichtbarer.

Warum die Makkabäerbücher historisch bedeutsam sind
Die Makkabäerbücher berichten über den jüdischen Widerstand gegen die Herrschaft der Seleukiden im zweiten Jahrhundert vor Christus. Im Mittelpunkt stehen die Versuche, jüdische religiöse Praxis und die Ordnung des Jerusalemer Tempels unter starkem politischen Druck zu bewahren.
1. Makkabäer erzählt die Ereignisse vergleichsweise politisch und militärisch. Die Familie der Hasmonäer, die mit Mattatias beginnt, übernimmt eine führende Rolle im Aufstand. Der Text schildert Bündnisse, Schlachten und die Wiederherstellung des Tempeldienstes.
2. Makkabäer behandelt teilweise denselben Zeitraum, setzt aber andere Schwerpunkte. Der Text hebt das Leiden der Märtyrer, die Auferstehungshoffnung, die Fürbitte für Verstorbene und die Heiligkeit des Tempels hervor. Die beiden Bücher sind daher keine einfache Fortsetzung voneinander, sondern eigenständige Darstellungen.
Die Berichte helfen, den historischen Hintergrund des Judentums zur Zeit vor Jesus zu verstehen. Sie erklären, warum die Tempelweihe und das Chanukka-Fest mit dem Makkabäeraufstand verbunden sind. Zugleich müssen die Texte mit historischer Umsicht gelesen werden, weil sie nicht als moderne, neutrale Geschichtsschreibung verfasst wurden.
Lesetipp: Lesen Sie 1. und 2. Makkabäer nicht als zwei Kapitel derselben Chronik. Vergleichen Sie Erzählperspektive, religiöse Akzente und die Darstellung der politischen Ereignisse.
Was die neutestamentlichen Apokryphen von den alttestamentlichen unterscheidet
Wenn von „Apokryphen“ die Rede ist, sind häufig die zusätzlichen Bücher zum Alten Testament gemeint. Es gibt aber auch außerkanonische frühchristliche Schriften, die nach den neutestamentlichen Büchern entstanden oder ihnen zeitlich nahe sind. Dazu zählen Evangelien, Apostelakten, Briefe und Offenbarungsschriften.
- Thomasevangelium: Eine Sammlung von Jesusworten ohne zusammenhängende Passions- und Auferstehungserzählung.
- Petrusevangelium: Eine erzählerische Darstellung von Leiden und Auferstehung Jesu mit besonderen Akzenten.
- Kindheitsevangelien: Erzählungen über die Kindheit Jesu und seine Familie, die über die kanonischen Evangelien hinausgehen.
- Paulus- und Thekla-Akten: Eine frühchristliche Erzählung über Paulus, Thekla, Glauben, Enthaltsamkeit und Verfolgung.
- Apokryphe Offenbarungsschriften: Texte über Himmel, Gericht, Engel und das Schicksal der Menschen.
Diese Texte sind nicht automatisch wertlos oder bewusst gefälscht. Einige geben Einblick in die Vielfalt des frühen Christentums. Andere entstanden deutlich später und erzählen Legenden, die vor allem die Frömmigkeit ihrer Zeit widerspiegeln. Der jeweilige Text muss deshalb nach Entstehungszeit, Sprache, Inhalt und Überlieferung beurteilt werden.
Das Thomasevangelium etwa besteht aus einer Sammlung von Aussprüchen und unterscheidet sich stark von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Es wurde nicht deshalb aus dem Neuen Testament ausgeschlossen, weil es nur eine „geheime Version“ der Jesusgeschichte wäre. Für die Kanonbildung spielten vielmehr mehrere Kriterien eine Rolle, darunter die Verbindung zur apostolischen Überlieferung, die Nutzung in den Gemeinden und die Übereinstimmung mit dem kirchlichen Glauben.
Wie sich kanonische und apokryphe Schriften unterscheiden
Die Grenze zwischen kanonischen und apokryphen Texten lässt sich nicht mit einem einzigen Merkmal erklären. Alter allein genügt nicht. Auch die Frage, ob ein Text einen Apostel nennt, entscheidet nicht automatisch über seine Anerkennung.
Kirchen berücksichtigten unter anderem, ob eine Schrift in vielen Gemeinden gelesen wurde, ob sie mit der überlieferten Lehre übereinstimmte und ob ihre Herkunft als glaubwürdig galt. Hinzu kamen liturgische Gewohnheiten und die Frage, ob eine Schrift über längere Zeit hinweg als verbindliche Glaubensquelle anerkannt war.
Bei den alttestamentlichen Apokryphen spielte außerdem die Sprach- und Überlieferungsgeschichte eine wichtige Rolle. Manche Bücher waren lange vor allem in griechischer Fassung bekannt. Andere wurden später auch in hebräischen Texten gefunden oder durch solche Textfunde besser verstanden.
Die Begriffe „kanonisch“, „deuterokanonisch“, „apokryph“ und „pseudepigraphisch“ sollten deshalb nicht vermischt werden. Ein pseudepigraphischer Text wird einer bekannten Person zugeschrieben, obwohl diese Zuschreibung historisch wahrscheinlich nicht zutrifft. Das sagt zunächst etwas über die Verfasserschaft aus, nicht automatisch über den literarischen oder religiösen Wert des Textes.
Welche Bedeutung die Apokryphen für das Christentum haben
Die Apokryphen erweitern den Blick auf die jüdische Welt zwischen den Testamenten. Sie zeigen, wie Menschen über Märtyrertum, Auferstehung, Engel, Weisheit, Gebet und die Treue zu Gottes Geboten nachdachten. Viele dieser Themen bilden eine wichtige Vorgeschichte für die Entstehung des frühen Christentums.
Für die katholische und orthodoxe Theologie besitzen bestimmte dieser Bücher einen verbindlichen Rang. Sie werden in Gottesdiensten gelesen und in der Lehre berücksichtigt. In evangelischen Kirchen können die Apokryphen ebenfalls geschätzt und gelesen werden, gelten aber gewöhnlich nicht als gleichrangige Grundlage für die Lehre.
Auch für die christliche Kunst und Literatur waren sie prägend. Geschichten über Tobit, Judit, die Makkabäer oder die Weisheit wurden in Predigten, Bildern und religiösen Dichtungen aufgegriffen. Wer Darstellungen aus der europäischen Kunst verstehen möchte, stößt daher häufig auf Motive, die nicht direkt aus den 66 Büchern vieler evangelischer Bibeln stammen.
Für die Bibelwissenschaft sind die Texte außerdem wertvolle Quellen. Sie zeigen Sprachformen, religiöse Vorstellungen und politische Erfahrungen aus einer Zeit, in der sich das Judentum unter wechselnden Großreichen behaupten musste. Ihre Aussagen sollten jedoch immer im Zusammenhang ihrer jeweiligen Gattung und Entstehungszeit gelesen werden.
Wie Sie die Apokryphen sinnvoll lesen können
Ein guter Einstieg ist ein Buch, dessen Thema Sie interessiert. Wenn Sie eine erzählende Handlung bevorzugen, eignen sich Tobit oder Judit. Für historische Fragen sind die Makkabäerbücher hilfreich. Wer kurze Lebensregeln und Reflexionen sucht, kann mit Jesus Sirach beginnen.
Lesen Sie zunächst die Einleitung Ihrer Bibelausgabe. Sie erklärt häufig, wann das Buch ungefähr entstand, in welchen Sprachen es überliefert wurde und welchen Stellenwert es in verschiedenen Kirchen hat. Ein solcher Hinweis verhindert, dass Sie eine literarische Erzählung wie einen modernen Tatsachenbericht behandeln.
- Lesen Sie den Gesamtzusammenhang: Einzelne Verse können missverständlich wirken, wenn die Handlung oder Argumentation fehlt.
- Achten Sie auf die Textgattung: Gebet, Weisheitsspruch, Geschichtserzählung und Vision verwenden unterschiedliche Ausdrucksformen.
- Fragen Sie nach dem Hauptthema: Geht es um Treue, Weisheit, Verfolgung, Umkehr, Hoffnung oder die Bewahrung einer Gemeinschaft?
- Vergleichen Sie Übersetzungen: Eigennamen, Kapitelzählungen und Buchbezeichnungen können voneinander abweichen.
- Trennen Sie historische Information und Glaubensaussage: Ein Text kann religiöse Hoffnung ausdrücken, ohne ein modernes Geschichtsbuch sein zu wollen.
- Nutzen Sie seriöse Anmerkungen: Bibelkommentare und wissenschaftliche Einleitungen helfen bei schwierigen Fragen zur Entstehung und Überlieferung.
Besondere Vorsicht ist bei Aussagen über Dämonen, Engel, Magie oder das Leben nach dem Tod angebracht. Solche Vorstellungen spiegeln die religiöse Welt bestimmter Zeiten wider. Sie sollten nicht ohne Weiteres aus ihrem historischen Zusammenhang gelöst und als allgemeine Regeln für jede christliche Tradition verwendet werden.
Welche Missverständnisse über Apokryphen häufig vorkommen
Ein verbreitetes Missverständnis lautet, Apokryphen seien grundsätzlich verbotene Geheimtexte. Tatsächlich sind viele dieser Bücher seit Jahrhunderten öffentlich zugänglich, wurden abgeschrieben, übersetzt und in Gottesdiensten oder im Unterricht verwendet. „Verborgen“ beschreibt die Wortgeschichte, nicht die heutige Zugänglichkeit.
Ebenso ungenau ist die Behauptung, alle Apokryphen seien erst nach der Bibel erfunden worden. Einige alttestamentliche Apokryphen entstanden in der Zeit vor Jesus und waren in jüdischen Gemeinschaften bekannt. Andere frühchristliche Texte wurden erst später verfasst und können deshalb nicht alle als unmittelbare Augenzeugenberichte gelten.
Auch die Aussage, nur eine einzige Bibeltradition besitze „die vollständige Bibel“, führt in die Irre. Der Umfang der Bibel wird in den Kirchen unterschiedlich bestimmt. Eine evangelische Bibel ist nicht einfach eine gekürzte katholische Bibel, und eine orthodoxe Bibel folgt nicht in jedem Detail der katholischen Zusammenstellung.
Schließlich sind Apokryphen nicht mit jedem Text gleichzusetzen, der religiöse Themen behandelt. Moderne Legenden, esoterische Schriften und spätere Romane können sich auf biblische Figuren beziehen, gehören deshalb aber nicht automatisch zur antiken apokryphen Literatur.
Wo Sie die Apokryphen in einer Bibel finden
In vielen evangelischen Ausgaben stehen die alttestamentlichen Apokryphen in einem eigenen Abschnitt zwischen den Testamenten. In katholischen Bibeln sind die deuterokanonischen Bücher in den fortlaufenden Bestand des Alten Testaments eingeordnet. Eine orthodoxe Ausgabe kann zusätzliche Bücher enthalten oder eine andere Reihenfolge verwenden.
Die Bezeichnungen können ebenfalls wechseln. Das Buch Jesus Sirach heißt manchmal nur Sirach. Der Brief des Jeremia kann als selbstständige Schrift oder als Teil von Baruch erscheinen. Bei Ester und Daniel handelt es sich um Ergänzungen innerhalb eines kanonischen Buches, nicht um vollständig eigenständige Werke mit einer einheitlichen Buchstruktur.
Wenn Sie ein bestimmtes Buch suchen, ist das Inhaltsverzeichnis zuverlässiger als eine allgemeine Liste aus dem Internet. Entscheidend ist, welche Ausgabe und welche kirchliche Tradition zugrunde liegt. Für wissenschaftliche Arbeit sollten Sie zusätzlich die verwendete Übersetzung und die Kapitelzählung angeben.
Warum sich die Lektüre heute weiterhin lohnt
Die Apokryphen machen sichtbar, dass jüdischer und christlicher Glaube nie nur aus einer einzigen literarischen Stimme bestand. In ihnen begegnen Fragen nach Identität, Gewalt, Krankheit, Loyalität und Hoffnung, die Menschen auch heute beschäftigen. Ihre Antworten sind in der Sprache und Vorstellungswelt der Antike formuliert, bleiben aber als historische Zeugnisse aufschlussreich.
Wer die Entstehung des Neuen Testaments verstehen möchte, findet in den Apokryphen wichtige Vergleichstexte. Vorstellungen von Auferstehung, Engeln, Weisheit, Märtyrertum und dem kommenden Gericht erscheinen in mehreren jüdischen Schriften und helfen, die religiöse Umwelt des frühen Christentums besser einzuordnen.
Der angemessene Umgang besteht weder darin, die Texte pauschal abzuwerten, noch darin, jede Aussage unkritisch mit den kanonischen Büchern gleichzusetzen. Sie verdienen eine aufmerksame, traditionsbewusste und historisch informierte Lektüre. So wird verständlich, warum sie in manchen Kirchen zur Bibel gehören, in anderen einen besonderen, aber nicht kanonischen Status haben.
Häufig gestellte Fragen
Sind die Apokryphen Teil der Bibel?
Das hängt von der jeweiligen Kirche und Bibelausgabe ab. Katholische und orthodoxe Kirchen zählen mehrere dieser Schriften zum Alten Testament, meist unter der Bezeichnung deuterokanonische Bücher. Evangelische Bibeln führen sie häufig in einem eigenen Abschnitt oder außerhalb des kanonischen Bibelbestands. Eine einheitliche Antwort ohne Angabe der Tradition wäre daher ungenau.
Warum fehlen Tobit und Jesus Sirach in vielen evangelischen Bibeln?
Evangelische Bibeltraditionen orientieren sich beim Alten Testament stärker am hebräischen Schriftenbestand und ordnen zusätzliche griechisch überlieferte Bücher gesondert ein. Tobit und Jesus Sirach wurden deshalb nicht grundsätzlich verworfen, sondern meist als Apokryphen in einen eigenen Abschnitt aufgenommen oder in separaten Ausgaben veröffentlicht.
Ist das Thomasevangelium ein Teil der Apokryphen?
Ja, es wird gewöhnlich zu den neutestamentlichen Apokryphen gezählt. Es besteht überwiegend aus Jesusworten und unterscheidet sich dadurch deutlich von den vier kanonischen Evangelien. Es gehört in keiner großen christlichen Bibeltradition zum Neuen Testament. Seine Entstehung und die Beziehung zu anderen frühen Jesusüberlieferungen werden wissenschaftlich unterschiedlich bewertet.
Welche Apokryphen eignen sich für den ersten Einstieg?
Tobit eignet sich für den Einstieg in eine erzählende Schrift mit Familien- und Glaubensthemen. Jesus Sirach bietet kurze Weisheitsabschnitte über das praktische Leben. Für historische Fragen sind 1. und 2. Makkabäer interessant. Lesen Sie am besten eine Ausgabe mit Einleitung und Anmerkungen, damit Entstehungszeit und kirchliche Einordnung verständlich bleiben.











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