Predigt zu Lukas 6,27-38: Feindesliebe, Vergebung und das Maß des Herzens

Bibelkommentar
Predigt zu Lukas 6,27-38: Feindesliebe, Vergebung und das Maß des Herzens
Lukas 6,27-38 · Lutherbibel 1912
Lukas 6,27-38 (Lutherbibel 1912)
“Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebet eure Feinde; tut denen wohl, die euch hassen; segnet die, so euch verfluchen und bittet für die, so euch beleidigen. Und wer dich schlägt auf einen Backen, dem biete den anderen auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem wehre nicht auch den Rock. Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das deine nimmt, da fordere es nicht wieder. Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, also tut ihnen gleich auch ihr. Und so ihr liebet, die euch lieben, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder lieben auch ihre Liebhaber. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun das auch. Und wenn ihr leihet, von denen ihr hoffet zu nehmen, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder leihen den Sündern auch, auf daß sie Gleiches wiedernehmen. Vielmehr liebet eure Feinde; tut wohl und leihet, daß ihr nichts dafür hoffet, so wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen. Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überfließend Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird man euch wieder messen.”
Zwischenruf aus dem Alltag: Recht, Ehre und Gegengewalt
Lukas 6 steht im Umfeld der sogenannten „Feldrede“ Jesu. Das Leben vieler Menschen war stark geprägt von sozialen Spannungen: Armut, Abhängigkeiten, Streit um Besitz und der Wunsch nach Schutz der eigenen Ehre. In einem solchen Kontext ist Jesu Botschaft besonders herausfordernd. Feindbilder waren nicht selten „alltäglich“: Wer eine Gegenseite unterstützte, konnte zum Hassobjekt werden. Wer sich rechtlich oder gesellschaftlich übergangen fühlte, reagierte oft mit Gegenforderung oder Vergeltung.
Die damalige jüdische Tradition kannte zwar Gebote wie Liebe zum Nächsten und auch Hinweise auf Barmherzigkeit, doch Jesu Zuschnitt geht weiter: Er spricht ausdrücklich auch jene an, die hassen und beleidigen. Zudem nutzt er Bilder, die man im täglichen Umgang gut verstand: Jemanden schlagen, ihm den Mantel wegnehmen, etwas wegfordern oder „zurückholen“. Gerade diese konkreten Beispiele machen klar: Jesus meint nicht nur innere Gefühle, sondern ein Verhalten, das Grenzen neu setzt.
Am Ende seiner Rede verbindet er das moralische Handeln mit dem Verhalten Gottes: Wer richtet, wird gerichtet; wer verurteilt, wird verurteilt; wer vergibt, wird Vergebung erfahren. Das klingt wie eine sittliche Gesetzmäßigkeit, die aus Gottes Charakter hervorgeht. Für die Hörer war das nicht bloß Trost, sondern eine neue Orientierung für Gemeinschaft und Glaubwürdigkeit.
Sprachton im Griechischen: Liebe als gelebter Auftrag
In Lukas 6 handelt Jesus in einer auffallenden Folge von Imperativen: „Liebet“, „tut wohl“, „segnet“, „bittet“, „biete… dar“, „wehre nicht“, „gib“, „fordere nicht wieder“ usw. Der Griechische Sprachton (imperativische Formulierungen) macht deutlich: Es geht nicht um unverbindliche Ratschläge, sondern um konkrete Entscheidungen des Willens. „Lieben“ ist dabei mehr als ein Gefühl; es wird durch Handlungen beschrieben, die dem Gegenüber aktiv Gutes tun.
Auch die Wendung zur Haltung im Konflikt („Richtet nicht“, „Verdammet nicht“, „Vergebt“) wirkt wie eine Leitplanke. Es geht um die innere Tendenz, über andere endgültig zu urteilen, statt ihnen Raum für Gottes Barmherzigkeit zu lassen. Gleichzeitig steht das Wortfeld „Maß“ im Bild: Menschen handeln nach einem Maß, und Gott „misst“ entsprechend. Diese Bildsprache betont: Dein Handeln formt nicht nur deine Beziehungen, sondern prägt, wie Gottes Güte dich trifft – in einem verlässlichen Sinn.
Feindesliebe als Maßstab des Reiches Gottes
Jesus beginnt nicht mit Strategien zur Selbstverteidigung, sondern mit einer anhaltenden Anrede: „Aber ich sage euch, die ihr zuhört…“ Das „zuhören“ ist wichtig: Es betont, dass Nachfolge eine Antwort auf Jesu Worte ist. Dann folgt die Reihe der Gebote, die in ihrer Kombination die natürliche Logik von „Vergeltung“ durchbricht. „Liebet eure Feinde; tut denen wohl, die euch hassen; segnet die, so euch verfluchen und bittet für die, so euch beleidigen.“
Das ist radikal, weil es sich nicht mit „innerer Ruhe“ begnügt. Liebe wird konkret: Segnen (nicht Fluchen), Wohltun (nicht Entzug), Bitten (nicht nur Klagen über den Gegner). In Jesu Logik geht es nicht darum, Unrecht zu verharmlosen. Vielmehr fordert er eine neue Beziehungsebene. Wer liebt, entwaffnet nicht das Böse durch Schwäche, sondern nimmt ihm die Deutungshoheit über dein Herz.
Interessant ist auch die Reihenfolge: Erst Liebe zu Feinden, dann Umgang mit Verletzung (Schlag) und Verlust (Mantel und Rock), dann Großzügigkeit in Alltagsschulden (geben, nichts zurückfordern). Damit zeigt Jesus: Die Fragen des Glaubens sind nicht abstrakt. Sie zeigen sich in Situationen, in denen du eigentlich „zurückschlagen“ würdest.
Feindesliebe bedeutet deshalb auch, dass du deinen Einfluss nicht an den Gegner „abgibst“. Wenn du sich über dich erhebt, versuchst du nicht nur „gleichzuziehen“, sondern wirst zum Träger einer anderen Art von Gerechtigkeit: einer barmherzigen, die Gott entspricht. Genau da wird das Hören zu gelebtem Gehorsam.
Konflikte entschärfen: Schlag, Mantel und das Zurückfordern
Jesus illustriert die konkrete Härte des Lebens mit greifbaren Beispielen: „Und wer dich schlägt auf einen Backen, dem biete den anderen auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem wehre nicht auch den Rock.“ Diese Formulierungen wirken auf den ersten Blick wie eine Aufforderung zur Passivität. Doch im Licht des restlichen Textes geht es um mehr als „sich gefallen lassen“. Es geht um einen bewussten Bruch mit dem Kreislauf aus Reaktion und Eskalation.
„Den anderen Backen darzubieten“ bedeutet nicht, dass jede Form von Gewalt einfach akzeptiert wird. Es bedeutet: Du gibst die Eskalationsspirale nicht vor dem Hintergrund deiner eigenen Verletztheit in Gang. Du reagierst nicht mit gleichem Unrecht, sondern stellst die Beziehung unter Gottes Maß. Jesu Worte zwingen damit zu einer entscheidenden Frage: Willst du, dass dein Leben von der Logik „Schaden – Rückzahlung – Wiederholung“ geprägt wird?
„Mantel“ und „Rock“ stehen für mehr als Kleidung. In der damaligen Welt hatte Besitz praktische und soziale Bedeutung. Wer einen Mantel nimmt, greift auch die Würde an. Jesus sagt: wehre dich nicht „auch“ gegen den Rest. Das ist eine harte Grenze gegen das Streben nach kompletter Wiederherstellung durch Macht. Stattdessen soll der Jünger lernen, sich in Gottes Gerechtigkeit zu verankern.
Anschließend folgt der Übergang zur finanziellen Dimension: „Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das deine nimmt, da fordere es nicht wieder.“ Das stellt den Charakter des Herzens ins Zentrum. Wer gibt, obwohl er gebraucht wird, und wer nicht zurückfordert, obwohl ihm Unrecht geschieht, handelt nicht nach dem Muster des Marktes („Ich gebe nur, wenn ich sicher bin“), sondern nach dem Muster Gottes.
Dieses Handeln kann Opfer fordern, aber es ist nicht sinnlos: Jesu Ziel ist, dass Liebe zur Feindesliebe wird und Unrecht nicht die endgültige Deutung über dich bekommt.
Die goldene Regel in Jesu Form: Gleiches tun – nur in Gottes Richtung
Nach den Beispielen aus Gewalt und Verlust kommt ein Grundsatz, der vielen bekannt ist: „Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, also tut ihnen gleich auch ihr.“ Das klingt wie eine allgemeine Ethik. Doch in Lukas 6 bekommt dieser Satz eine besondere Schärfe, weil er bereits im Kontext der Feindesliebe steht.
Das heißt: Jesus meint nicht „mach dir die Welt bequem“, sondern „handle so, wie du Gottes Maß für dich wünschst“. Wenn du dir wünschst, dass man dich barmherzig behandelt, dann kannst du nicht gleichzeitig jede Barmherzigkeit verweigern, sobald du selbst zum Maßstab wird. Die Goldene Regel wird hier zu einer praktischen Prüfung: Könntest du in der gleichen Situation auch wollen, dass dein Verhalten die andere Person trifft?
Dabei ist wichtig, was Jesus direkt danach entlarvt: „Und so ihr liebet, die euch lieben, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder lieben auch ihre Liebhaber. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun das auch.“
Jesus entzieht dem frommen Selbstlob den Boden. Es reicht nicht, „nett zu sein“, wenn das Gegenüber freundlich ist. Übeltäter und Menschen ohne Gott können das auch. Der entscheidende Unterschied im Reich Gottes ist die Richtung der Liebe: Sie wächst über die natürliche Gegenseitigkeit hinaus.
Die Frage lautet also: Ist deine Liebe begrenzt durch Sympathie und Sicherheit? Oder trägt sie ein anderes Motiv: Gottes Güte? Jesu Worte zeigen: Echter Gehorsam ist nicht nur moralisch, sondern theologisch. Er verbindet Liebe mit Gottes Handeln.
So bereitet Jesus den Übergang vor: „Vielmehr liebet eure Feinde; tut wohl und leihet, daß ihr nichts dafür hoffet.“ Die Ethik bekommt ein Fundament, und das Fundament heißt Hoffnung auf den Lohn Gottes.
Barmherzig sein wie der Vater: Kein Zurückweisen, sondern Verwandlung
Der Höhepunkt des Textes liegt in zwei miteinander verbundenen Aussagen: „…so wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen.“ und „Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Hier erklärt Jesus, warum die Gebote nicht nur „moralische Leistung“ sind. Sie stiften Identität. Wer Feinde liebt, wohltut und nicht nach dem Gewinn rechnet, beweist nicht nur Charakterstärke, sondern zeigt: Man lebt als Kind des Allerhöchsten. Gottes Güte ist der Ursprung dieser Lebensweise.
Interessant ist das Motiv „Lohn“. In Jesu Rede klingt keine Belohnung als Tauschhandel an. Vielmehr ist „Lohn“ das, was Gott denen schenkt, die nach seinem Reich handeln. Es ist ein Echo der Aussage: Gott ist gütig auch denen gegenüber, die undankbar und böse sind. Das bedeutet: Gottes Barmherzigkeit ist nicht verdient, sondern geschenkt. Und wer dieses Geschenk verstanden hat, wird selbst barmherzig.
Dann folgt die konkrete Gemeinschaftsethik: „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“ Diese Worte sind besonders für Gemeinden relevant, weil sie zeigen, wie schnell eine Gemeinschaft von Gesprächen über andere zu Verurteilungen wird. „Richten“ und „Verdammen“ sind nicht nur rechtliche Entscheidungen, sondern Haltungen, die endgültig „abstempeln“.
Jesu Antwort ist nicht: „Nie erkennen“ oder „nie korrigieren“. Der Text betont vielmehr die Gefahr eines endgültigen Urteils ohne Barmherzigkeit. Wo Vergebung eingeübt wird, wird sie auch empfangen.
Schließlich das Bild vom „Maß“: „Gebt, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überfließend Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird man euch wieder messen.“ Es geht um Gottes Dynamik: Was du ausrichtest, prägt, wie du Gottes Güte empfängst. Der Maßstab ist nicht Rechentricks, sondern barmherzige Großzügigkeit.
So wendest du die Worte Jesu heute an
Beginne mit einer „Mini-Entscheidung“: Wenn du beleidigt wurdest, antworte nicht als Erstes mit innerem Urteil, sondern mit dem nächsten Gebetsschritt. Jesus sagt „bittet für die, so euch beleidigen“. Das kann wörtlich werden: Nenne die Person im Gebet, bitte um Veränderung oder um Kraft, gerecht zu handeln.
Zweitens: Trainiere Großzügigkeit, bevor du sie brauchst. „Wer dich bittet, dem gib“ heißt nicht, dass du jede Forderung blind erfüllst. Aber es fordert eine offene Hand und die Bereitschaft, Hilfe dort zu geben, wo sie sinnvoll ist und du nicht aus Angst handelst. Plane kleine „Wohltaten“ in deinem Alltag ein: Zeit schenken, einen Engpass abfedern, Verbundenheit zeigen.
Drittens: Ersetze Zurückforderung durch Frieden. „Fordere es nicht wieder“ meint: Suche nicht sofort nach Ausgleich um jeden Preis. Kläre sachlich, wo Grenzen nötig sind—aber trage den Konflikt nicht als Punktesystem in dein Herz. Wenn du Unrecht erlebst, frage: Wie kann ich die Eskalation stoppen, ohne Wahrheit und Verantwortung aufzugeben?
Viertens: Übe ein barmherziges Urteilen. Wenn du merkst, dass du jemand „verdammst“, unterbrich dich. Formuliere statt Verurteilung: „Welche Fakten kenne ich? Was könnte ich von Gottes Blick lernen?“ Vergebung bedeutet nicht Vergessen, aber es bedeutet, den Menschen nicht endgültig zu verurteilen.
So wirst du Schritt für Schritt zu einem Menschen, dessen Handeln Gottes Maß widerspiegelt.
Verwandte Bibelstellen
Matthäus 5,44-48
Hier betont Jesus ebenfalls Feindesliebe und die Nachahmung des vollkommen barmherzigen Vaters.
Römer 12,17-21
Paulus greift die Idee auf, Böses nicht mit Bösem zu vergelten, sondern Gutes zu tun und Gott den Ausgleich zu überlassen.
Jakobus 2,13
„Barmherzigkeit“ als Maß zeigt sich auch im Jakobusbrief: Wer barmherzig ist, erfährt Barmherzigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet „Feinde lieben“ in der predigt zu lukas 6 27 38?
Jesus meint nicht, Unrecht gutzuheißen, sondern den Kreislauf aus Hass und Vergeltung zu durchbrechen. Feindesliebe zeigt sich praktisch: segnen, Gutes tun, für den Gegner bitten und nicht nach dem schnellen Ausgleich mit gleicher Härte verlangen.
Wie passt das „anderen Backen darzubieten“ in eine verantwortliche Nachfolge?
Das Gebot zielt auf die Verweigerung der Eskalation: Du reagierst nicht mit automatischer Gegengewalt. Gleichzeitig bleibt Verantwortung wichtig. Wenn Sicherheit oder Schutz nötig sind, kann das umgesetzt werden—doch das Herz bleibt auf Frieden, nicht auf Rache ausgerichtet.
Was hat das „Richtet nicht“ konkret für Konflikte in der Gemeinde zu tun?
„Richtet nicht“ warnt vor endgültigen Urteilen und Abwertungen. Gemeindekonflikte brauchen Klärung, aber nicht Verurteilung. Praktisch hilft: Fakten prüfen, vorsichtig sprechen, mit Vergebung Raum geben und Korrektur ohne Hass suchen.
Warum nennt Jesus den Lohn, wenn man feindlich behandelt wird?
Jesus verankert Verhalten nicht in menschlicher Anerkennung, sondern in Gottes Charakter und Zusage. Wer barmherzig handelt, wird „Kinder des Allerhöchsten“ genannt und darf Gottes Güte erfahren—auch wenn der kurzfristige Erfolg ausbleibt.
Ein kurzes Gebet
Herr Jesus Christus, du hast uns einen Weg gezeigt, der über natürliche Vergeltung hinausgeht. Schenke mir ein Herz, das Feinde nicht verurteilt, sondern segnet und für sie bittet. Gib mir Weisheit, Grenzen verantwortungsvoll zu achten, ohne Frieden zu verlieren. Lehre mich, Vergebung nicht nur zu wünschen, sondern zu leben. Stärke mich durch deine Güte, damit dein Maß in meinem Handeln sichtbar wird. Amen.








