Matthäus 18 Bibelstudium: Größe im Reich, Vergebung und Gottes Suche

Bibelkommentar
Matthäus 18 Bibelstudium: Größe im Reich, Vergebung und Gottes Suche
Matthäus 18 · Lutherbibel 1912
Matthäus 18 (Lutherbibel 1912)
“Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesu und sprachen: Wer ist doch der Größte im Himmelreich? Jesus rief ein Kind zu sich und stellte das mitten unter sie und sprach: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft werde im Meer, da es am tiefsten ist. Weh der Welt der Ärgernisse halben! Es muß ja Ärgernis kommen; doch weh dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt! So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist besser, daß du zum Leben lahm oder als Krüppel eingehst, denn daß du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das höllische Feuer geworfen. Und so dich dein Auge ärgert, reiß es aus und wirf's von dir. Es ist dir besser, daß du einäugig zum Leben eingehest, denn daß du zwei Augen habest und wirst in das höllische Feuer geworfen. Sehet zu, daß ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit in das Angesicht meines Vaters im Himmel. Denn des Menschen Sohn ist gekommen, selig zu machen, das verloren ist. Was dünkt euch? Wenn irgend ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: läßt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? Und so sich's begibt, daß er's findet, wahrlich ich sage euch, er freut sich darüber mehr denn über die neunundneunzig, die nicht verirrt sind. Also auch ist's vor eurem Vater im Himmel nicht der Wille, daß jemand von diesen Kleinen verloren werde. Sündigt aber dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir, auf daß alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund. Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so halt ihn als einen Zöllner oder Heiden. Wahrlich ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein. Weiter sage ich euch: wo zwei unter euch eins werden, warum es ist, daß sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Da trat Petrus zu ihm und sprach: HERR, wie oft muß ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist's genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Darum ist das Himmelreich gleich einem König, der mit seinen Knechten rechnen wollte. Und als er anfing zu rechnen, kam ihm einer vor, der war ihm zehntausend Pfund schuldig. Da er's nun nicht hatte, zu bezahlen, hieß der Herr verkaufen ihn und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, und bezahlen. Da fiel der Knecht nieder und betete ihn an und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, ich will dir's alles bezahlen. Da jammerte den Herrn des Knechtes, und er ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging derselbe Knecht hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen schuldig; und er griff ihn an und würgte ihn und sprach: Bezahle mir, was du mir schuldig bist! Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir; ich will dir's alles bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis daß er bezahlte, was er schuldig war. Da aber seine Mitknechte solches sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten vor ihren Herrn alles, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, dieweil du mich batest; solltest du denn dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr ward sehr zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis daß er bezahlte alles, was er ihm schuldig war. Also wird euch mein himmlischer Vater auch tun, so ihr nicht vergebt von eurem Herzen, ein jeglicher seinem Bruder seine Fehler.”
Zwischenüberschrift: Warum Jesus in Matthäus 18 so hart und so zärtlich spricht
Matthäus 18 steht in einer Phase, in der Jesus seine Jünger in das Denken des Himmelreichs hineinführt. In einer Welt, in der Rang, Ehre und Macht stark zählen, lenkt Jesus die Aufmerksamkeit auf das Gegenteil: Demut, Schutz der Schwachen und Verantwortung untereinander. Dass er „zu derselben Stunde“ das Gespräch aufgreift, zeigt: Jüngerrealität ist geprägt von Fragen nach Rang und Einfluss. Darum nimmt Jesus ein Kind als lebendiges Lehrbild. Kinder galten im sozialen Umfeld oft als verletzlich, kaum geschützt und wenig anerkannt; gerade deshalb wird sichtbar, was Gott als „wertvoll“ ansieht: nicht Status, sondern Vertrauen und Abhängigkeit.
Der Abschnitt verbindet dann Warnung und Gemeindeordnung. Jesus spricht über Ärgernisse, über radikale Selbstverneinung („haue ab“, „reiß aus“), aber nicht, um Menschen zu vernichten, sondern um die Gemeinschaft vor geistlicher Vergiftung zu bewahren. Auch die Formulierungen zur Zurechtweisung zeigen, dass Gemeinden nicht im Geheimen eskalieren sollten, sondern Schritt für Schritt: persönlich, dann mit Zeugen, dann „vor der Gemeinde“. So schützt Jesus das Gewissen und gleichzeitig den geistlichen Bestand der Gemeinschaft.
Am Schluss veranschaulicht das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht die inneren Konsequenzen: Gottes Vergebung ist nicht nur ein einmaliges Ereignis, sondern eine neue Haltung. Wer Gottes Barmherzigkeit erfahren hat, kann nicht dauerhaft hartherzig bleiben, ohne sich selbst in eine gefährliche Selbsttäuschung zu führen.
Zwischenüberschrift: Schlüsselworte im griechischen Klang der Stelle
In Matthäus 18 begegnen mehrere Leitmotive, deren Nuancen vor allem im Griechischen den Ton treffen: Jesus spricht von „Werkeinstellungen“ des Herzens (Umkehr/Veränderung), von „Ärgern“ (Anstoß geben) und vom „Lösen/Binden“ im Kontext von Gemeindeentscheidung. Besonders wichtig ist die Vorstellung von „kleinen“ Glaubenden: Im Griechischen klingt hier nicht Geringschätzung, sondern Verwundbarkeit an – Menschen, die im Glauben noch schwach sind und leicht in eine Krise geraten.
Auch das Gleichniswortfeld arbeitet mit einer starken Kontrastlinie: Der Knecht, dem eine riesige Schuld erlassen wird, handelt danach gegen einen Mitknecht, dem im Verhältnis eine viel kleinere Schuld schuldig ist. Die Sprachwirkung betont den Bruch zwischen empfangener Gnade und gelebter Barmherzigkeit. Insgesamt ist der Stil Jesu nicht akademisch, sondern pastoral und warnend: Er gebraucht drastische Bilder, um die Ernsthaftigkeit zu markieren. Damit bleibt die Botschaft klar: Gott will retten, schützen und erneuern – und er ruft zur Konsequenz im Umgang mit Schuld und Vergebung.
Größe im Himmelreich: wie ein Kind werden (matthäus 18 bibelstudium)
Jesus beginnt nicht mit abstrakter Moral, sondern mit einer konkreten Frage der Jünger: „Wer ist doch der Größte im Himmelreich?“ Das ist menschlich verständlich – und gerade deshalb deckt Jesus den Kern an. Größe im Reich Gottes wird nicht an Rang, Redegewandtheit oder spiritueller Leistung gemessen. Jesus ruft ein Kind zu sich, stellt es mitten unter sie und erklärt: „Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“
Die Aufforderung „werdet wie die Kinder“ bedeutet nicht, dass Gottes Volk naiv oder willenlos sein soll. Es meint vor allem eine Haltung des Vertrauens, der Abhängigkeit und der Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen. Kinder haben nicht die Macht, sich selbst zu empfehlen. Sie leben aus empfangener Zuwendung. Genau darum wird das Kind zum Lehrbild: Wer im Reich Gottes „wachsen“ will, muss im Herzen kleiner werden – nicht weniger wert, sondern weniger stolz auf sich selbst.
Dazu passt Jesu nächste Aussage: „Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ Die Logik ist umgedreht: Der Weg zur „Höhe“ führt durch „Niedrigkeit“. Wer sich erniedrigt, setzt nicht auf Selbstverachtung, sondern auf Gottes Maß. Er erkennt: Ich kann nicht aus eigener Kraft retten, sondern nur empfangen.
Damit verbunden ist auch die Verantwortlichkeit: „Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“ Aufnahme ist hier mehr als ein freundlicher Moment. Es ist gelebte Gemeinschaft mit Christusbezug. Wer die „Kleinen“ schützt, ehrt Jesus selbst.
Diese Einleitung ordnet den ganzen weiteren Abschnitt: Warnung vor Ärgernissen, Weg der Zurechtweisung, sowie das Vergebungsmaß im Gleichnis – alles hängt an einer erneuerten Haltung: Demut statt Rangdenken, Schutz statt Verachtung.
Warnung vor Ärgernissen: ernst, weil Menschen teuer sind
Nach dem Bild des Kindes wird Jesu Ton deutlich schärfer. Er spricht über „die Geringsten“, die „an mich glauben“, und warnt: „Wer aber ärgert dieser Geringsten einen … dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft werde.“ Solch drastische Bilder sind kein Stilmittel zur Unterhaltung. Sie zeigen: Ärgernisse im Glaubensleben sind geistlich gefährlich.
Ein Ärgernis ist nicht jede persönliche Unstimmigkeit. Es geht vielmehr um das absichtliche oder gedankenlose Handeln, das andere vom Glauben wegdrückt, verwirrt oder entmutigt. Manchmal geschieht das durch Hochmut, manchmal durch falsche Maßstäbe, manchmal durch das Ausnutzen von Schwäche oder durch ein Verhalten, das „religiös“ klingt, aber die Liebe verletzt.
Jesus verbindet diese Warnung mit einer anderen Wahrheit: „Es muß ja Ärgernis kommen; doch weh dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt!“ Das bedeutet: Nicht jede Prüfung oder jedes Missverständnis ist „Sünde des anderen“. Aber es gibt reale Verantwortlichkeit. Menschen können durch Haltung und Handeln zum Stolperstein werden. Deshalb ruft Jesus zur Selbstprüfung: „So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab … Es ist besser, daß du zum Leben lahm oder als Krüppel eingehst … denn daß du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.“
Die Bilder „Hand“, „Fuß“, „Auge“ betonen: Schuldquellen müssen wirksam behandelt werden. Jesus fordert nicht Selbstverstümmelung, sondern radikale Trennung von dem, was das Herz verfinstert und andere verletzt. Wer „zum Leben“ gehen will, darf Gewohnheiten nicht heiligsprechen.
Dass Jesus die Warnung mit „Sehet zu, daß ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet“ abschließt, lenkt den Blick zurück auf Demut. Verachtung ist das Gegenteil von „Aufnehmen in meinem Namen“. Der Schutz der Glaubenden ist Teil der Nachfolge.
Damit entsteht ein klares geistliches Ziel: Eine Gemeinde, die die Schwachen nicht zum Problem macht, sondern sie vor Schaden bewahrt – weil Christus sie teuer ansieht.
Gottes Suche nach dem Verlorenen: 99 lassen, 1 suchen
Im nächsten Abschnitt nimmt Jesus eine Perspektive ein, die Herzen verändern soll: „Denn des Menschen Sohn ist gekommen, selig zu machen, das verloren ist.“ Das ist der Evangeliums-Satz im Kontext von Matthäus 18. Jesu Warnungen und Gemeindeanweisungen sind nicht vom Wunsch nach Strafe geprägt, sondern vom Willen Gottes zur Rettung.
Dann folgt das Gleichnis vom Hirten: „Wenn irgend ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: läßt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte?“ Die Frage zwingt zu einer Antwort: Ein echter Hirte wird handeln. Er rechnet. Nicht im Sinne von Gewinnmaximierung, sondern im Sinne liebevoller Fürsorge.
Jesus unterstreicht das Ergebnis: Wenn der Hirte das Verirrte findet, „freut sich darüber mehr denn über die neunundneunzig, die nicht verirrt sind.“ Das widerspricht menschlicher Logik. Diejenigen, die „ohne Abweichung“ bei der Herde bleiben, sind nicht wertlos. Aber Freude über Rettung zeigt: Gott misst Erfolg nicht nur am äußeren Bestand, sondern am Wiederherstellen verlorener Nähe.
Darum sagt Jesus auch ausdrücklich: „Also auch ist's vor eurem Vater im Himmel nicht der Wille, daß jemand von diesen Kleinen verloren werde.“ Diese Aussage gibt den Ton für das ganze weitere Vorgehen vor. Selbst Korrektur in der Gemeinde ist im Kern rettungsorientiert.
Das bedeutet jedoch nicht, dass man Schuld ignoriert. Jesus beendet nicht bei Sentimentalität, sondern führt zur nächsten Wahrheit: Sünde braucht Schritte der Zurechtweisung, aber die Motivation soll Rettung bleiben. Wer „verachtet“, handelt gegen den Charakter des himmlischen Vaters. Wer dagegen sucht, stimmt sich in Gottes Herzschlag ein.
Matthäus 18 wird dadurch zu einem Leitfaden für Gemeinde: Schutz vor Ärgernis, Suche bei Verlust, und dann ein geregeltes Vorgehen bei Schuld – alles im Licht der rettenden Absicht Gottes.
Zurechtweisung und Gemeindeweg: von privat bis öffentlich – im Ziel der Wiedergewinnung
Nachdem Jesus über Rettung spricht, erklärt er konkret, wie Christen mit Schuld umgehen sollen: „Sündigt aber dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein.“ Dieses Vorgehen ist bemerkenswert: Es beginnt privat, nicht mit Gerüchten oder schnellen Urteilen. „Strafe“ meint hier im Kern das klare, begründete Zurückrufen zur Wahrheit – nicht Beschämung aus Überlegenheit.
Der Sinn wird im nächsten Vers deutlich: „Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.“ Wieder „Gewinn“-Sprache: Ziel ist nicht Sieg über den anderen, sondern Wiederherstellung der Beziehung und des Glaubens. Das ist Seelsorge in Gemeindeform.
„Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir, auf daß alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund.“ Jesus schützt damit zwei Dinge zugleich: den Betroffenen vor Alleingängen und den Beschuldigten vor willkürlichen Vorwürfen. Beides dient dem Gewissen und der Klarheit.
„Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so halt ihn als einen Zöllner oder Heiden.“ Damit ist kein ausdrucksloses Ausstoßen gemeint, sondern eine letzte Stufe: Wer die Verantwortung und die Korrektur nicht annimmt, stellt sich außerhalb der hörenden Gemeinschaft. In diesem Schritt geht es um geistliche Ordnung und die Bewahrung anderer.
Im Anschluss kommt eine theologische Verankerung: „Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.“ Gemeindeentscheidungen stehen nicht über Gottes Willen. Sie sollen mit Gottes Gericht und Gnade übereinstimmen.
Schließlich betont Jesus Gebet und geistliche Einheit: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Das gibt dem Prozess Gewicht: Es geht nicht nur um Verfahren, sondern um Gegenwart Christi.
So wird Matthäus 18 zu einem Handbuch für heilige Liebe: Wahrheit sagen, Schritte gehen, und immer im Ziel der Rettung – ohne Ärgernis zu produzieren oder Menschen durch Stolz zu zerstören.
Vergebung ohne Grenzen: der unbarmherzige Knecht als Warnbild
Der Kern des Abschnitts verdichtet sich im Gespräch zwischen Petrus und Jesus: „HERR, wie oft muß ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist's genug siebenmal?“ Petrus denkt in Kategorien von Maß und Grenze. Siebenmal wirkt großzügig – aber Jesus korrigiert das Denken: „Ich sage dir: Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“
Jesus will nicht eine arithmetische Formel, sondern eine Herzenslogik. Vergebung ist nicht ein begrenztes Kontingent, sondern die beständige Haltung desjenigen, der Gottes Barmherzigkeit empfangen hat.
Das Gleichnis macht die innere Dynamik sichtbar. Der König rechnet mit seinen Knechten, und einer ist „ihm zehntausend Pfund schuldig“. Eine unvorstellbare Schuld. Dann bittet der Knecht um Geduld: „Herr, habe Geduld mit mir, ich will dir's alles bezahlen.“ Doch die Rettung kommt nicht durch Leistung, sondern durch Erbarmen: „Da jammerte den Herrn … und er ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch.“
Als dieser Knecht danach „einen seiner Mitknechte“ findet, zeigt sich sein wahres Herz: „er griff ihn an und würgte ihn“. Er verlangt die sofortige Begleichung von „hundert Groschen“. Die Diskrepanz ist bewusst gesetzt. Die große Gnade wird kleinmütig zurückgezahlt.
Die Reaktion bleibt konsequent: Der zweite Knecht betet um Geduld wie zuvor der erste – aber der erste „wollte aber nicht“ und wirft ihn ins Gefängnis. Schließlich wird das ans Licht gebracht; der Herr zeigt die Verantwortungslogik: „Solltest du denn dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?“
Das Urteil ist ernst: „Also wird euch mein himmlischer Vater auch tun, so ihr nicht vergebt von eurem Herzen, ein jeglicher seinem Bruder seine Fehler.“ Jesus verbindet Vergebung mit Herzenswahrheit. Wer nicht vergibt, sagt in gewisser Weise: Gottes Maß gilt für mich, aber nicht für andere – und genau das widerspricht dem Evangelium.
Damit endet Matthäus 18 nicht in Hoffnungslosigkeit, sondern in klarer Entscheidung: Vergebung ist Ausdruck gelebter Gnade.
So wendest du das heute an: Demut, Schutz und konsequente Vergebung
Prüfe zuerst dein Herz: Wo suchst du geistlichen Rang statt Christus? Jesus stellt Demut wie ein Kind in den Mittelpunkt. Das kann ganz konkret heißen: Sprich weniger über dich, höre mehr zu, lass dich korrigieren, statt dich zu rechtfertigen.
Zweitens: Vermeide Ärgernisse, auch unabsichtliche. Frage dich bei Spannungen: Würde mein Verhalten einem „Kleinen“ helfen, Glauben zu behalten, oder würde es ihn abdrängen? Manchmal ist es nötig, Gewohnheiten zu stoppen, die dich innerlich verhärten (z.B. abwertende Sprache, respektloses Diskutieren, Herabwürdigung). Radikal im Kleinen anfangen – nicht „später“.
Drittens: Wenn dir jemand schadet, gehe den Weg Jesu. Starte privat: „zwischen dir und ihm allein“ und mit Ziel der Wiedergewinnung. Formuliere klar, kurz und biblisch: Was ist passiert, wie hat es dich getroffen, und was wäre eine hilfreiche Korrektur? Wenn nötig, nimm zwei oder drei Zeugen hinzu, statt zu eskalieren.
Viertens: Übe Vergebung als Herzensentscheidung. Petrus wollte eine Grenze; Jesus gibt keine. Wenn du merkst, dass du innerlich Vergeltung aufbaust, bring das vor Gott: „Herr, vergib mir“ und übe dann die nächste konkrete Geste der Versöhnung. Vergebung heißt nicht, Unrecht zu verharmlosen, aber es heißt, das Herz nicht im Gefängnis von Bitterkeit festzuhalten.
Verwandte Bibelstellen
Markus 9,42
Jesus wiederholt die Warnung vor dem Ärgern der Kleinen und macht deutlich, wie ernst das Schützen schwacher Glaubender ist.
Lukas 15,4-7
Das Gleichnis vom verlorenen Schaf zeigt denselben rettenden Charakter Gottes und seine Freude über Wiedergewinnung.
1. Korinther 5,12-13
Paulus spricht von der Verantwortung der Gemeinde im Umgang mit schwerer Sünde – ähnlich geordnet wie bei Jesus in Matthäus 18.
Epheser 4,32
Paulus verbindet Vergebung mit dem empfangenen Erbarmen Gottes und passt damit zum Prinzip des Gleichnisses in Matthäus 18.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet „wie die Kinder“ im Matthäus 18 Bibelstudium?
„Wie die Kinder“ meint vor allem Demut, Vertrauen und die Bereitschaft, vom Herrn abhängig zu sein. Jesus spricht nicht über Schwäche als Ziel, sondern über eine Haltung ohne Selbstrechtfertigung. Wer demütig empfängt und sich korrigieren lässt, gehört zum Himmelreich.
Wie gehe ich biblisch vor, wenn ein Bruder an mir sündigt – Matthäus 18 Auslegung Ärgernis und Zurechtweisung?
Beginne persönlich: „zwischen dir und ihm allein“. Wenn er hört, gewinnst du deinen Bruder. Wenn nicht, nimm einen oder zwei hinzu, damit alles auf Zeugenbasis steht. Wenn auch das scheitert, bringe es der Gemeinde. Ziel bleibt Wiederherstellung, nicht Bloßstellung.
Gilt „siebzigmal siebenmal“ als wörtliche Grenze oder als Haltung?
Jesus gibt keine arithmetische Formel, sondern eine Herzenslogik: Vergebung soll ohne erschöpfende Obergrenze leben. Das wird im Gleichnis deutlich: Wer riesige Gnade empfangen hat, darf nicht kleinlich zurückweisen. Vergebung ist eine Entscheidung im Herzen.
Was ist der Unterschied zwischen verständlicher Enttäuschung und einem Ärgernis im Glauben?
Enttäuschung ist oft menschlich und kann Anlass zur Klärung sein. Ein Ärgernis ist dagegen ein Verhalten, das Glaubende bewusst oder durch Gleichgültigkeit vom Glauben wegdrängt oder sie verwirrt. Jesus ruft deshalb zur Selbstprüfung und zum Schutz der „Kleinen“.
Ein kurzes Gebet
Herr Jesus, du siehst die Kämpfe in uns: unseren Wunsch nach Rang, unsere Härte im Herzen und unsere Angst, zu vergeben. Lehre uns Umkehr und schenke Demut wie bei Kindern. Lass uns die Kleinen aufnehmen statt verachten und bewahre uns davor, durch Worte oder Wege zu verletzen. Wenn wir schuldig werden, bring uns zur Buße; wenn andere uns enttäuschen, gib uns Vergebung von Herzen. Amen.










