bibelstudium markus 15 23: Myrrhe im Wein – und doch nahm Jesus sie nicht

Bibelkommentar
bibelstudium markus 15 23: Myrrhe im Wein – und doch nahm Jesus sie nicht
Markus 15,23 · Lutherbibel 1912
Markus 15,23 (Lutherbibel 1912)
“Und sie gaben ihm Myrrhe im Wein zu trinken; und er nahm's nicht zu sich.”
Der Kontext der Kreuzigung: Schmerz, Spott und letzte Stunde
Markus 15 schildert die Verurteilung Jesu im römischen Kreuzigungsrahmen. Dabei geht es nicht nur um körperliche Qualen, sondern auch um Erniedrigung: Soldaten handeln im Auftrag der Besatzungsmacht und geben dem Tod eine öffentlich sichtbare Botschaft. In dieser Situation ist die Szene mit dem Wein und der Myrrhe besonders eindrücklich. Myrrhe war im antiken Nahen Osten ein kostbares Harz aus dem Orient, das unter anderem wegen seines aromatischen und (in bestimmten Zusammensetzungen) möglicherweise schmerzlindernden Effekts bekannt war. Wein diente als Getränk, aber auch als Trägerstoff, um einen Zusatz wirksamer oder erträglicher zu machen.
Dass man einem Verurteilten „etwas zum Trinken“ anbot, passt zu der Vorstellung, dass Schmerz gemildert werden könne – selbst wenn dies nicht aus Mitgefühl geschah, sondern als Teil des grausamen Ablaufs. Für Markus ist entscheidend, wie Jesus darauf reagiert: Er nimmt den vorgeschlagenen Trank nicht an. Diese Weigerung stellt seine Haltung in den Mittelpunkt. Das bedeutet nicht, dass er „keinen Schmerz“ kannte, sondern dass er die angebotene Hilfe zur Betäubung nicht als seinen Weg wählt. So zeichnet Markus ein Bild von bewusster Hingabe: Jesus geht nicht blind in das Geschehen, sondern bleibt dem göttlichen Auftrag treu, selbst wenn das Leiden maximal ist.
Zur Wortnuance in Markus: „nicht zu sich nehmen“ und das bewusste Handeln
In der griechischen Formulierung des Satzes steht eine klare Handlungsbeschreibung: „sie gaben ihm“ (also ein aktiver Impuls von außen) und „er nahm es nicht zu sich“ (also eine bewusste Ablehnung). Die Nuance liegt weniger in der chemischen Zusammensetzung von „Myrrhe im Wein“ als in der Reaktion Jesu. Das Verb für „nehmen“ trägt im Kontext häufig den Gedanken von annehmen, empfangen und sich zu eigen machen. Markus betont: Jesus nimmt den Trank nicht als Hilfe in Anspruch.
Sprachlich ist das eine starke Gegenüberstellung. Auf der einen Seite steht das Angebot der Soldaten, auf der anderen die freie, kontrollierte Entscheidung Jesu. Damit wird sein Leiden nicht zu einem bloßen „Missverständnis“ oder zu etwas, das er „aus Versehen“ mitmacht, sondern zu einem bewusst gelebten Gehorsam. Markus richtet das Augenmerk auf den inneren Standpunkt Christi: Er entscheidet selbst, wie er seinen Weg geht – auch wenn der Schmerz unmittelbar und überwältigend ist.
Markus 15,23: Myrrhe im Wein – eine scheinbare Erleichterung
Der Satz „Und sie gaben ihm Myrrhe im Wein zu trinken; und er nahm’s nicht zu sich“ wirkt auf den ersten Blick wie eine Randnotiz. Doch bei Markus steht jede Einzelheit unter Spannung: Warum wird überhaupt etwas angeboten? Myrrhe im Wein erinnert an eine Mischung, die den Verurteilten vielleicht erträglicher durch die Qualen bringen soll. In einer grausamen Umgebung kann so ein Zusatz wie ein „letzter Komfort“ erscheinen.
Wenn Jesus diesen Trank nicht annimmt, setzt Markus damit einen Kontrast: Das Angebot zielt auf Linderung, aber Jesu Weg zielt auf Treue. Das bedeutet nicht, dass Schmerz unwirklich wäre. Der physische Leidensdruck bleibt real. Gerade deshalb ist Jesu Ablehnung bedeutsam: Er entscheidet sich dagegen, die Sinnhaftigkeit seiner Stunde durch Betäubung zu unterbrechen. Er bleibt wach, sein Handeln bleibt bewusst.
Man kann daraus auch erkennen, wie Markus das Leiden Jesu theologisch deutet: Nicht als Zufall, nicht als tragischer Unfall, nicht als „abgebrochene“ Tragödie. Vielmehr steht Jesus unter dem Anspruch Gottes. Seine Weigerung kann man als Ausdruck von Gehorsam verstehen: Er nimmt die Hilfe nicht, weil die Stunde nicht nur durch erträglichen Schmerz geprägt ist, sondern durch den Ruf, den Erlösungsweg in vollem Umfang zu gehen.
So wird die Szene zu einem Spiegel für Glaubensfragen. Was bedeutet es, wenn „Hilfe“ angeboten wird, aber der Glaube eine andere Richtung fordert? In Markus 15 ist Jesu Antwort klar: Nicht jede Erleichterung ist automatisch ein Segen, und nicht jeder Ausweg ist automatisch ein richtiger Weg. Christus geht den Weg, den Gott ihm gibt – gerade dann, wenn er am schwersten ist.
Warum er es nicht nahm: bewusste Hingabe statt Betäubung
Die entscheidende Aussage ist das „er nahm’s nicht zu sich“. In dieser kurzen Form steckt eine tiefe geistliche Haltung. Jesus hätte den Wein trinken können – niemand hätte ihn daran gehindert, und es wäre „vernünftig“ erschienen, wenigstens den Schmerz zu dämpfen. Doch Markus zeigt: Jesus handelt anders. Er nimmt die angebotene Erleichterung nicht an.
Diese Weigerung lässt sich mehrschichtig verstehen. Erstens: Jesus geht nicht in sein Leiden, um auszutesten, wie viel Schmerz er erträgt, sondern weil er die Mission seines Vaters erfüllt. Wer diese Mission ernst nimmt, wird nicht nach jeder äußeren „Erleichterung“ greifen, die den Weg kürzer, leichter oder weniger spürbar machen würde. Zweitens: Eine Betäubung hätte die Klarheit seiner Hingabe verwischen können. Markus betont, dass Jesus seine Stunde nicht verwaltet wie jemand, der nur noch „durchhält“, sondern wie jemand, der in voller Verantwortlichkeit geht.
Drittens: Die Ablehnung stellt eine geistliche Grenze: Leid ist nicht nur ein Zustand, den man wegbekommen möchte, sondern auch ein Feld, in dem Christus Liebe und Gehorsam sichtbar macht. Wenn das Evangelium sagt, dass Jesus für uns leidet, dann bedeutet das nicht, dass der Schmerz Selbstzweck ist. Aber es heißt: Sein Leiden ist geordnet, bewusst und heilsgeschichtlich. Deshalb ist es passend, dass Markus gerade diese Tat festhält.
Für unser Herz ist das eine herausfordernde Lektion. Wir wünschen oft eine „Myrrhe im Wein“ – eine Methode, den inneren Schmerz schnell zu dämpfen. Manchmal ist Linderung richtig und gut. Aber der Text erinnert: Es gibt eine Art von „Linderung“, die zwar kurzfristig entlastet, aber die geistliche Ausrichtung ablenkt. Jesus lehrt uns, Leiden im Licht Gottes zu tragen – nicht als bloßes Aushalten, sondern als Hingabe.
So wendest du das heute an: bewusst statt betäubt leben
Markus 15,23 lädt dich ein, deine Haltung zum Schmerz zu prüfen. In vielen Lebenslagen ist „Myrrhe im Wein“ ein Bild für alles, was kurzfristig dämpft: Ablenkung, Überdruss, Zynismus, manche Flucht in Konsum oder (geistlich gesprochen) das Wegwischen von Schuld und Trauer. Der Punkt ist nicht, dass Linderung grundsätzlich schlecht ist. Die Frage lautet: Führt sie dich näher zu Gott – oder entfernt sie dich von echter, bewusster Hingabe?
Praktisch kannst du drei Schritte gehen. Erstens: Benenne den Schmerz ehrlich im Gebet. Jesus hat den Trank nicht genommen – aber er ist auch nicht in Verdrängung gegangen. Sprich vor Gott, was du gerade fühlst: Angst, Traurigkeit, Druck, Hoffnungslosigkeit. Zweitens: Suche nach „Gottes-Linderung“, die Klarheit erhält. Das können Gespräche, Trost aus der Schrift, Gottesdienst, Seelsorge oder eine bewusste Zeit im Gebet sein. Gottes Weg nimmt den Schmerz nicht immer sofort weg, aber er gibt dir Ausrichtung.
Drittens: Frage dich, welche Entscheidungen du in der Stunde der Belastung triffst. Wenn du spürst, dass du nur noch „betäubt“ reagieren willst, halte inne. Wähle bewusst eine Haltung des Glaubens: Verzeihen, Standhalten, das Richtige tun, auch wenn es weh tut.
So wird der Vers zu einem Kompass: Christus bleibt wach, bewusst und treu. Du darfst lernen, auch im Schmerz nicht dein inneres Fundament zu verlieren.
Verwandte Bibelstellen
Psalm 69,22
Dieser Psalm über den leidenden Gerechten spiegelt eine Wein-/Trank-Bildsprache wider und zeigt, dass Jesu Leiden im Licht der Schrift steht.
Matthäus 27,34
Parallele Stelle berichtet ebenfalls vom Wein mit Galle/Myrrhe und unterstreicht Jesu Ablehnung der angebotenen Betäubung.
Hebräer 5,7
Der Vers beschreibt, wie Christus Gebet, Fürbitte und bewusste Hingabe in Todesnähe erlebte – passend zur Haltung in Markus 15,23.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet Markus 15,23: Myrrhe im Wein?
Myrrhe im Wein verweist auf eine Mischung, die vermutlich als betäubender oder schmerzlindernder Trank gedacht war. Entscheidend ist jedoch Jesu Reaktion: Er nimmt den Trank nicht an. Damit wird klar, dass seine Hingabe nicht durch äußere „Erleichterung“ unterbrochen werden soll.
Warum nahm Jesus den Wein mit Myrrhe nicht zu sich?
Markus betont die bewusste Ablehnung: Jesus handelt nicht wie jemand, der nur noch betäubt durchhält, sondern wie jemand, der in voller Verantwortlichkeit geht. Er nimmt nicht, was Linderung verspricht, wenn sein Weg Treue und klare Hingabe fordert.
Ist es falsch, im Schmerz Erleichterung zu suchen?
Der Text sagt nicht, dass jede Form von Trost oder Hilfe grundsätzlich schlecht ist. Er stellt jedoch eine geistliche Prüfung in den Mittelpunkt: Was dämpft dich nur, ohne Gott näherzubringen? Was erhält Klarheit und Ausrichtung? Entscheidend ist, ob Hilfe dich in Gottes Willen führt.
Was kann „Jesu Leiden bewusst tragen“ für meinen Alltag heißen?
Wenn du stark belastet bist, darfst du ehrlich beten und bewusst handeln statt nur zu fliehen. Suche nach Wegen, die dich näher zu Gott bringen: Schrift lesen, im Gebet Stand halten, Hilfe annehmen. Bewusstsein statt Betäubung bedeutet nicht Selbstzerstörung, sondern vertrauensvolle Treue.
Ein kurzes Gebet
Herr Jesus, du hast den Trank der Erleichterung nicht angenommen, sondern bist in bewusster Hingabe deinen Weg gegangen. Öffne unsere Augen für die Stunde, in der wir Trost suchen – und schenke uns Klarheit, nicht zu betäuben, sondern zu vertrauen. Stärke unseren Glauben, wenn Leiden uns bedrängt. Lehre uns, Schmerz vor dir ehrlich zu bringen und in deiner Liebe zu bestehen. Amen.










